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Klassische ExperimenteMilgram

2. Theoretische Vorannahmen Milgrams

Obschon regelmäßig im Singular von dem Milgram-Experiment die Rede ist, wäre es zutreffender, im Plural von den Milgram-Experimenten zu sprechen – wie Milgram das selbst auch tut.1

Denn insgesamt führte Milgram 25 Testreihen mit ca. 1000 Personen durch, die die anfängliche Versuchs-anordnung immer wieder aufs Neue variierten und so den Einfluss verschiedener Variablen auf die Versuchssituation testeten.2

Bewundernswert ist schon das Design seiner Untersuchungen.

Die geschickte experimentelle Anordnung, bei der die eigentliche Versuchsperson darüber im Unklaren gelassen wird, dass sie es ist, die studiert wird, ermöglicht es, nachdem zahlreiche Probleme der Messbarkeit durch Standardisierungen überwunden sind, das tatsächliche Verhalten von Menschen zu untersuchen und damit methodisch die Beschränkungen zu überwinden, denen Befragungen über Verhalten unterliegen.

Da Menschen hierbei Antworten geben, die in Richtung der sozialen Erwünschtheit verzerrt sind, hätte eine Befragung zum Gehorsam nur allgemeine Einstellungen reproduzieren und nicht die tatsächlich wirkenden Kräfte der Situation freilegen können.

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Milgram stellt einfach einen beliebigen Menschen
in eine Situation
und beobachtet dann sein äußeres Verhalten

Milgram stellt einfach einen beliebigen Menschen in eine Situation und beobachtet dann sein äußeres Verhalten. Insofern ist seine Herangehensweise gleichermaßen phänomenologisch wie situativ-experimentell.4

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Was die inhaltlichen Vorannahmen Milgrams betrifft, so gibt er im Postskriptum seines Aufsatzes selbst darüber Auskunft.

Danach näherte er sich den Versuchsserien in der Erwartung, die Mehrzahl der Versuchspersonen würde sich von den auf dem Schockgenerator angegebenen Stromstärken, wenigstens aber durch die eingesetzten Proteste des Opfers frühzeitig dazu bewegen lassen, das Experiment entgegen den Anweisungen der präsenten Autorität abzubrechen.

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Da die Experimente Milgrams unter ethischen Gesichtspunkten zum Teil heftige Kritik auslösten7, wäre eine Darstellung der Haltung, mit der sich Milgram an die Arbeit machte, unvollständig, wenn man nicht erwähnte, dass er dieses Problem durchaus gesehen hatte.

Eine post-experimentelle Behandlung, die aus einem ausführlichen Gespräch mit dem Versuchsleiter einschließlich einer Aussöhnung mit dem vermeintlichen Opfer bestand, sollte verhindern, dass die Teilnehmer am Experiment psychische Folgeschäden davontragen würden.

Deshalb wurden sie zunächst darüber aufgeklärt, dass es sich bei dem Schockgenerator um eine Attrappe handelte, die bei dem schauspielernden Opfer keine Folgen hinterlassen hatte.

83,7 % waren froh über ihre Teilnahme

Weiterhin wurde ihnen mitgeteilt, dass die Mehrzahl der Versuchsteilnehmer ähnlich reagiert hatten, und sie wurden im Nachhinein über ihre Empfindungen dem Experiment gegenüber befragt.

Dabei äußerten lediglich 1,3 % der Personen Bedauern darüber, an der Studie teilgenommen zu haben, 83,7 % waren dagegen froh über ihre Teilnahme.

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Man wird Milgram wohl am ehesten gerecht werden, wenn man sich vor Augen führt, dass sich die Psychologie in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts als eine immer noch sehr junge Wissenschaft in einer Aufbruchstimmung befand.

Es wurden immer neue Theorien diskutiert, Therapieformen entwickelt und empirische Methoden erprobt.

Vor allem in Amerika war die  Sozialpsychologieals Disziplin nach dem Zweiten Weltkrieg gerade erst entstanden und suchte jetzt nach eigenen Forschungsschwerpunkten und -methoden. In dieser Lage war man anscheinend bereit weiterzugehen als heutzutage.

Das Bewusstsein für den Schutz der Persönlichkeitsrechte der Probanden war weniger stark entwickelt; ein Milgram könnte sein Experiment heute wohl nicht noch einmal so durchführen.9


1 Im vorletzten Abschnitt vor dem Postskriptum weist er auf diese weiteren Experimente hin, die erst in späteren Veröffentlichungen ausführlich dargestellt werden, z.B. in seinem Buch „Das Milgram-Experiment, Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität“, 1974, 1982.

2 Die sorgsame Dokumentation seiner empirischen Befunde in den zahlreichen Publikationen wird komplettiert durch Originalaufnahmen der Versuche, die, zu einem 45-minütigen Film zusammengeschnitten („Obedience“, USA 1969), für 325 US-Dollar beim Vertreiber Penn State Broadcasting oder über die New York University Film Library bezogen werden können.

4 Vgl. Blass, The Social Psychology of Stanley Milgram, in: Zanna (ed.): Advances in Experimental Social Psychology, Volume 25, 1992, S. 278.

7 Dazu Milgram, Das Milgram-Experiment, 1974, 1982, S. 221 ff.; Miller, The Obedience Experiments, A Case Study of Controversy in Social Science, 1986, S. 88 ff.

9 Schon wegen strengerer Richtlinien der American Psychological Association (APA), dazu Marsh in: Blass (ed.): Obedience to Authority, Current Perspectives on the Milgram Paradigm, 2000, S. 147, 151.

 

 
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