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3. Experimentelle Ergebnisse und ihre Interpretation durch Milgram
Um einen Überblick über die ganze Bandbreite der experimentellen Ergebnisse vermitteln zu können, bietet es sich zunächst an, die wichtigsten Versuchsreihen mit dem jeweiligen Prozentsatz an Gehorsamen aufzulisten, und zwar in der Reihenfolge von der höchsten bis zur niedrigsten Gehorsamsbereitschaft (s. Tabelle 1).
Tabelle 1: Prozentsatz gehorsamer Versuchspersonen in verschiedenen Versuchsreihen
| Bezeichnung des Experiments |
Prozentsatz der Gehorsamen |
| Pilotstudie (ohne jeden Protest des Opfers) |
„fast alle“ |
| gehorsame Gruppe |
72,5 |
| Fernraum (Opfer schlägt bei 300 und 315 V gegen die Wand) |
65 |
| akustische Rückkopplung (mit zunehmenden verbalen Protesten des Opfers ab 75 V, Yale) |
62,5 |
| akustische Rückkopplung (Bridgeport) |
48 |
| Raumnähe |
40 |
| Berührungsnähe |
30 |
| Abwesenheit des Versuchsleiters |
23 |
| ungehorsame Gruppe |
10 |
| Proband bestimmt selbst die Schockstufe |
2,5 |
| hypothet. Personen (Vorhersage der Experten) |
0,1 |
| hypothet. Verhalten (Vorhersage von Teilnehmern) |
0 |
Abweichend vom hier kommentierten Beitrag in Human Relations 1965 hat Milgram später die Gehorsamsquote im Fernraum-Experiment, seinem Ausgangsexperiment (Baseline-Condition) nicht mit 66, sondern mit 65 % angegeben; s. Milgram, Das Milgram-Experiment, 1974, 1982, S. 51. 45
Danach liegen die Ergebnisse der Pilotstudie, in der noch keine Proteste des Opfes eingesetzt wurden, und die Vorhersagen der psychiatrischen Experten zum erwarteten Verhalten von hypothetischen Teilnehmern am Experiment (in der Version der akustischen Rückkopplung) besonders weit auseinander.
Die Voraussagen dieser Experten wurden aber auch bei allen anderen Versuchsanordnungen in eklatanter Weise übertroffen. Während die Experten davon ausgingen, nur eine von tausend Personen würde sich als gehorsam erweisen, war es in der Pilotstudie tatsächlich fast jeder, beim Fernraum-Experiment zwei Drittel und bei der akustischen Rückkopplung in Yale nahezu zwei Drittel.
Diskrepanz zwischen erwartetem
und tatsächlich gezeigtem Verhalten
Diese Diskrepanz zwischen erwartetem und tatsächlich gezeigtem Verhalten offenbart eine Fehleinschätzung, der anfangs auch Milgram unterlag, nämlich ein Unterschätzen der situativen Zwänge.
Der gleiche Irrtum wird auch in den Vorhersagen von Versuchsteilnehmern offenbar, die über ihr eigenes hypothetisches Verhalten Auskunft geben sollten. Dabei meinten drei Personen, sie würden unter den experimentellen Bedingungen nicht einmal den leichtesten Stromschlag von 15 Volt verabreichen; ausnahmslos jeder der Befragten nahm für sich in Anspruch, den Gehorsam früher oder später zu verweigern (Gehorsame also 0 %, s. Tabelle 2 Spalte 3).
Während die Art oder der Rang der Autorität bei Milgram nur eine untergeordnete Rolle spielte (s. die Ergebnisse im Bridgeport-Experiment: 48 % gegenüber Yale: 62,5 %), arbeitete er zwei Faktoren heraus, die die Wahrscheinlichkeit von Ungehorsamsreaktionen stark erhöhte:
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Auf ähnlich signifikante Zusammenhänge stieß Milgram, als er in seinen Versuchsaufbau zwei Mitglieder seines Forscherteams integrierte, die als rebellierende Peers bei 150 Volt bzw. bei 210 Volt im Beisein der Versuchsperson die Fortsetzung des Experiments verweigerten, sich von ihrem Stuhl erhoben und in Verweigerungshaltung im Raum stehenblieben.
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Im Ergebnis erwies sich somit die Auflehnung durch Gleichrangige als die Variable, die in stärkstem Maße die Gehorsamsbereitschaft verringerte, nämlich auf nur 10 %.
Die weitgehende Neutralisierung der Macht des Versuchsleiters führte Milgram darauf zurück, dass die Peers den Versuchsteilnehmer aus dem Einfluss befreien, den die von außerhalb der Gruppe kommende Macht des Versuchsleiters auf ihn ausübt, indem sie in ihm die Idee der Gehorsamsverweigerung hervorrufen und ihn in seinem Argwohn bestätigen, die ausgeführten Handlungen könnten falsch sein.
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Unerwartet hohe Gehorsamsbereitschaft
Angesichts der in der Ausgangsversion des Experiments und bei der akustischen Rückkopplung ermittelten unerwartet hohen Gehorsamsbereitschaft prüfte Milgram, im Stile einer medizinischen Differentialdiagnose, weitere Hypothesen, die neben der Macht der Autorität und der Situation für die Ergebnisse verantwortlich sein konnten.
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Milgram war allerdings, und das zeugt von hoher wissenschaftlicher Redlichkeit, ehrlich bzw. selbstkritisch genug, um darauf hinzuweisen, dass die hohe Gehorsamsbereitschaft vermutlich auch durch einige methodische Details seiner Versuchsanordnungen hervorgerufen wurde.
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Beträchtliche Anzahl von Menschen tut,
was ihnen befohlen wird
Die Schlussfolgerungen, die Milgram aus seinen Experimenten zog, waren so prägnant und treffend, dass sie hier in kurzen Stichworten wiedergegeben werden können:
- Eine beträchtliche Anzahl von Menschen tut, was ihnen befohlen wird, ungeachtet des Befehlsinhalts und ohne Gewissensbisse, solange sie die befehlende Autorität für legitim hält.
- Menschen haben ein positives Selbstbild von sich; nach ihrem zukünftigen Verhalten befragt, antworten sie entsprechend ihren Idealen, Werten und Selbstentwürfen (z.B. „Ich bin nicht die Sorte von Mensch, die bereit wäre, anderen im Namen der Wissenschaft Schaden zuzufügen.“). Diese Werte werden aber in der konkreten Handlungssituation von den situativen Zwängen überrannt.
- Unter gewissen Umständen ist es deshalb nicht die Persönlichkeit eines Menschen, die seine Handlungen bestimmt, sondern die Situation, in die er gestellt wird.
- Es fällt uns leichter, eine Person zu verletzen, die distanziert ist und uns nicht sehen kann. Je näher das Opfer an uns heranrückt und je unmittelbarer wir es wahrnehmen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns Befehlen einer Autorität, das Opfer zu schädigen, widersetzen.
- Dass sich der Mensch gegen eine Autorität auflehnt, ist am wahrscheinlichsten, wenn er darin dem Beispiel anderer folgen kann.
Abweichend vom hier kommentierten Beitrag in Human Relations 1965 hat Milgram später die Gehorsamsquote im Fernraum-Experiment, seinem Ausgangsexperiment (Baseline-Condition) nicht mit 66, sondern mit 65 % angegeben; s. Milgram, Das Milgram-Experiment, 1974, 1982, S. 51.
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