Projektbeschreibung
Nutzer-Profil
Veranstaltungen
Was ist das?
Klassische Experimente
Jugendkriminalität
Ausländerkriminalität
Fremdenfeindliche Straftaten
Gewaltkriminalität
Wirtschaftskriminalität
Innere Sicherheit
Prävention
Impressum
Klassische ExperimenteMilgram

4. Rezeption der Ergebnisse

Milgrams Forschungen, inzwischen zum Klassiker avanciert1, haben große Wirkung erzielt. Zum einen lösten sie, nicht zuletzt im Rahmen der kontroversen Diskussion seiner Befunde, eine Fülle von Replikationsstudien aus, die sich zum Ziel setzten, Milgrams Ergebnisse mit einem Nachbau seiner experimentellen Anordnung für andere Länder zu überprüfen.

Und zum anderen befruchteten sie Wissenschaft und Praxis in der Weiterführung und Umsetzung seiner Arbeiten.

a) Replikationen

Die zahlreichen Replikationsstudien bestätigten Milgram trotz ihrer Vielfalt an unterschiedlichen Untersuchungspopulationen und -zeitpunkten auf ganzer Linie.

Insbesondere der Prozentsatz an gehorsamen Versuchsteilnehmern im Ausgangsexperiment wurde vielfach noch übertroffen, wie die Übersicht in Tabelle 3 illustriert.2

Von den verschiedenen Replikationen verdienen einige besondere Aufmerksamkeit. So konnten Shanab/Yahya mit ihrer in Amman (Jordanien) durchgeführten Untersuchung zeigen, dass die von Milgram hervorgehobenen situativen Kräfte auch bei Probanden Wirkung zeigten, die einen völlig unterschiedlichen kulturellen Hintergrund aufwiesen.

mehr ››

Obwohl das mit den Ergebnissen Milgrams übereinstimmte, wurde der Befund einer gleich starken Gehorsamsbereitschaft bei Frau und Mann durch eine Studie von Kilham/Mann in Frage gestellt.

Diese ermittelten nämlich für Frauen eine niedrigere Quote von völlig gehorsamen Teilnehmerinnen (16 % gegenüber 40 % bei den Männern).

Die Abweichungen von Milgrams Daten führten sie auf den Umstand zurück, dass bei den Frauen die Rolle des Opfers gleichfalls durch eine Frau gespielt wurde, sowie auf den Zeitgeist im Jahre 1971, der Ungehorsamsreaktionen mehr begünstigt habe als noch 10 Jahre zuvor.5

Acht Studien kommen zum gleichen Ergebnis
wie Milgram

Beide Vermutungen können aus heutiger Sicht nicht überzeugen. Zum einen lassen sich insgesamt neun Studien nachweisen, die der Frage geschlechtsspezifischer Unterschiede im Gehorsam nachgingen.

Von diesen kamen acht zum gleichen Ergebnis wie Milgram; der Befund von Kilham/Mann blieb also ein isolierter Ausreißer.6

Zum anderen ist die Annahme, die Gehorsamsbereitschaft in vergleichbaren Stress- und Drucksituationen nehme unter dem Einfluss eines gehorsamskritischen Zeitgeistes ab, wohl nicht mehr als eine Hoffnung.

mehr ››

Bestätigt wurde Milgram schließlich auch in einer niederländischen Studie, die bei Abwesenheit des Versuchsleiters und bei einer ungehorsamen Gruppe gleichfalls signifikant niedrigere Gehorsamsquoten nachwies.

Die dort im Ausgangsexperiment ermittelte hohe Gehorsamsbereitschaft (91,7 %) ist allerdings auf methodische Abweichungen zurückzuführen, da in diesem Versuchsaufbau weder eine körperliche Übelszufügung noch eine Verweigerung der Beantwortung durch den „Schüler“ vorgesehen war.9


1 Vgl. Papcke, Das Milgram-Experiment, in: Papcke/Oesterdiekhoff (Hrsg.): Schlüsselwerke der Soziologie, 2001, S. 338 ff.

2 Vgl. auch Miller, The Obedience Experiments, 1986, S. 67 ff.; für Literaturhinweise danke ich an dieser Stelle Dipl.-Psych. Harald Kania, Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht, Freiburg.

5 Kilham/Mann, Level of Destructive Obedience as a Function of Transmitter and Executant Roles in the Milgram Obedience Paradigm, in: Journal of Personality and Social Psychology 29 (1974), No. 5, S. 702.

6 Hierzu Blass, The Milgram Paradigm After 35 Years: Some Things we now know about Obedience to Authority, in: Blass (ed.), Obedience to Authority, Current Perspectives on the Milgram Paradigm, 2000, S. 47 ff.

9 Siehe Meeus/Raaijmakers, Administrative Obedience: Carrying Out Orders to use Psychological-Administrative Violence, in: European Journal of Social Psychology 16 (1986), S. 319-321.

 
nach oben   nach oben
 

 Druckversion