4. b) Fortführung und Umsetzung des Milgramschen Ansatzes
Wohl niemand würde angesichts der zahlreichen Impulse, die von Milgram ausgegangen sind, für sich beanspruchen können, die Wirkungen seiner Experimente auch nur annähernd vollständig zu erfassen;
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sie reichen vom Verhaltenstraining für Flugzeugbesatzungen zur Vermeidung selbstzerstörerischen Gehorsams
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und von der Entwicklung mathematischer Gehorsamsmodelle über die Lehrplangestaltung beim Unterricht
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über den Holocaust
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bis hin zu Anstößen für die Kriminalwissenschaften.
In der Kriminologie haben zunächst Zimbardo/Haney/Banks/Jaffe Milgrams Überlegungen aufgegriffen.
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Mit den Charakteristika einer solchen Situation, die Gehorsam generiert, hat sich besonders eingehend Kelman beschäftigt.
Er wies darauf hin, dass die Gehorsamsreaktion die Folge davon sei, dass der Handelnde das System, seine Funktionsträger sowie deren Anordnungen als legitim wahrnehme.
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Weiterführung des Milgramschen Ansatzes: „Routinization“
Außerdem entwickelte Kelman eine Weiterführung des Milgramschen Ansatzes, indem er der „Authorization“ die „Routinization“ zur Seite stellte.
Während in den Prozessen der Autorisierung die Situation so definiert werde, dass übliche moralische Prinzipien nicht mehr passten und der Einzelne der Verantwortung enthoben werde, eigene moralische Entscheidungen zu treffen, strukturierten Prozesse der Routinisierung die Entscheidungssituation in einer Weise vor, die keine Gelegenheit mehr lasse, moralische Bedenken zu entwickeln.
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Bei einer Sekundärauswertung der Milgramschen Tonbandmitschnitte aus dem Bridgeport-Experiment wurde bestätigt: Je früher die Probanden im Verlauf des Experiments ihre Bedenken äußerten oder bei der Autorität nachfragten, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht bis zum Schluss gehorsam sein würden.
Oder genauer: Von 21 Personen, die sich schließlich widersetzten, widersprachen 57,1 % dem Versuchsleiter bereits vor oder beim 150-Volt-Level; von den 19 Gehorsamen tat das zu diesem Zeitpunkt kein einziger.
Im deutschsprachigen kriminologischen Schrifttum stößt man an wenigstens zwei Stellen auf die Spuren Milgrams.
Einmal beim Versuch Sessars, die primäre Bedeutung des Täters für die Entstehung der Tat ätiologisch zu relativieren, indem man ihn in einem Kontext situativ bestimmter Handlungsmuster sieht und von dort aus die Frage präventiver Ansätze neu stellt.
Und zum zweiten bei der Frage danach, welche Konsequenzen sich aus den Milgram-Experimenten für Straftheorie und Strafrechtsdogmatik ergeben.
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Vgl. die Beiträge von Tarnow, Saltzman, Rochat/Maggioni/Modigliani und Zimbardo/Maslach/Haney, alle in: Blass (ed.), Obedience to Authority, Current Perspectives on the Milgram Paradigm, 2000 sowie die Studie von Browning, Ganz normale Männer, Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen, 1993, 1999, die Milgram zur Erklärung von Kriegsverbrechen heranzieht.
Vgl. Kelman, Violence Without Moral Restraint: Reflections on the Dehumanization of Victims and Victimizers, in: Journal of Social Issues 1973, No. 4, S. 38 ff.
Rochat/Maggioni/Modigliani, The Dynamics of Obeying and Opposing Authority: A Mathematical Model, in: Blass (ed.), Obedience to Authority, 2000, S. 171.
Sessar, Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform 1997, S. 3 f.
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