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Über Machtstrukturen, aus denen Kriminalität entsteht
1. Einleitung
Das Experiment mit dem künstlichen Gefängnis, in dem College-Studenten die konträren Rollen von Aufsichtskräften und Gefangenen einnehmen, ist schon älter, nämlich im Sommer 1971 an der Stanford Universität in Kalifornien durchgeführt worden.
Dennoch liegt dem Projekt ein hochaktueller kriminologischer Gedanke zugrunde:
Die kriminellen Gefahren rühren nicht von ungewöhnlichen Personen und deren Psyche her, sondern erwachsen aus gefährlichen Situationen oder Konstellationen, in denen rechtsverletzende Übergriffe zwar nicht zwangsläufig auftreten, aber doch sehr wahrscheinlich werden.
Wir würden heute von Tatgelegenheitsstrukturen sprechen, die das Auftreten von Delikten beeinflussen.
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Entsprechende Hoffnungen, eine kriminalitätsärmere Umwelt „bauen“ zu können, mögen ein Grund dafür sein, weshalb zur Zeit allerorts Kommunale Prävention befürwortet wird.
Zimbardo und seine Mitarbeiter sind freilich Grundlagenforscher in dem Sinne, dass sie weniger an konkreten Nutzanwendungen und noch weniger an weit gestreuten Maßnahmen interessiert sind, sondern vorrangig beabsichtigen, am Beispiel des Gefängnisses die „Sachzwänge“ zu untersuchen, die auf uns Menschen einwirken und unser Verhalten bestimmen.
Weniger die Chancen als vielmehr
die negativen Seiten beleuchtet
Dabei werden zunächst weniger die Chancen als vielmehr die negativen Seiten beleuchtet, die aus derartigen externen Vorgaben für die mitmenschliche Kommunikation erwachsen.
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Zimbardo war keineswegs der erste, der die psychischen Auswirkungen der Gefängnishaft zu erkunden suchte.
Es existiert vielmehr eine alte Literaturgattung der Haftbiographien und -memoiren. Sie wurde spätestens nach dem ersten Weltkrieg zum Gegenstand kriminologischer Analyse gemacht.
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Das Neue an der Psychologie Zimbardos kann darin erblickt werden, dass er die Fragestellung der Haftwirkungen theoretisch konturiert hat.
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Allerdings war zu Beginn der 70er Jahre die Zweiteilung in Leidtragende und Leidschaffende, ihre Zementierung durch äußerliche Zeichen und Gruppenkohärenz, als Spezifikum eines Gefängnisses schon durchaus geläufig.
Sie hatte vor allem der Soziologe Erving Goffman bereits zu Beginn der 60er Jahre betont, und zwar nicht nur für Gefängnisse, ebenso für andere „totale Institutionen“, beispielsweise psychiatrische Kliniken, Kasernen, Klöster oder Internate.
Siehe dazu die Slideshow auf Zimbardos website: www.prisonexp.org sowie zuletzt P. Zimbardo u.a., Reflections on the Stanford Prison Experiment: Genesis, Transformations, Consequences, in: T. Blass (Ed.): Obedience to Authority, Current Perspectives on the Milgram Paradigm, 2000, S. 193-237.
Siehe etwa K. Sessar: Zu einer Kriminologie ohne Täter – Oder auch: Die kriminogene Tat, in: MschrKrim 80 (1997), S. 1 f.; weitere Hinweise bei M. Walter: Jugendkriminalität, 2. Aufl. 2001, S. 64 f.
Aus dem sehr umfänglichen Schrifttum s. beispw. die Einführung und Übersicht bei J. Obergfell-Fuchs: Ansätze und Strategien Kommunaler Kriminalprävention, 2001, S. 20 f.
Vgl. a. etwa S. Cohen/L. Taylor: Ausbruchsversuche. Identität und Widerstand in der modernen Lebenswelt, 2. Aufl. 1980, S. 94 f.
Zusf. dazu M. Walter: Strafvollzug, 2. Aufl. 1999, S. 262 f.
S. vor allem R. Sieverts: Die Wirkungen der Freiheitsstrafe und Untersuchungshaft auf die Psyche der Gefangenen. Phänomenologische Studien an literarischen Selbstzeugnissen ehemaliger Häftlinge, 1929.
E. Goffman: Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen, 1973, S. 18. |