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4. Kriminologische und kriminalpolitische Lehren
Erstaunlicherweise haben Kriminologen dieses Experiment bislang in Deutschland kaum beachtet. Nur vereinzelt ist in dem beobachteten Geschehen ein Beleg für institutionelle Gewalt gesehen worden.
Schon aus der Machtkonstellation des Gefängnisses seien sadistische Auswüchse ableitbar. Diese Deutung, die mit der Zimbardos übereinstimmt, ist aber nicht einmal für den engeren Kontext der Haft auf breiterer Basis zur Kenntnis genommen worden.
Ein Grund dafür dürfte in den Extremen liegen, mit denen die Machtstruktur des Gefängnisses gezeichnet und – für bundesdeutsche Verhältnisse – wohl auch überzeichnet worden ist. Schneider, der die US-Forschungen besonders aufmerksam verfolgt hat, gilt als ein strenger Kritiker jedweden Strafvollzugs und somit vielleicht als zu voreingenommen.
Die Deutung Zimbardos kann im Kern überzeugen, wenngleich betont sei, dass die Gefängnisszene durch das geschilderte „Arrangement“ in einer Weise zugespitzt worden ist, die tendenziell Polarisierungen zwischen Gefangenen und Aufsehern erwarten ließ.
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Deutung Zimbardos kann im Kern überzeugen
Wenn auch Zimbardo mit guten Gründen die Relevanz der Lebenssituationen für das Verständnis menschlichen Verhaltens betont, so muss doch deutlich bleiben, dass nicht etwa schon die Situationen handeln, sondern immer noch die Menschen, dass es also sehr wohl eine menschliche Vermittlung zwischen situativem Setting und konkretem Handeln gibt.
Das Handeln darf nicht als eine Art Reaktions-Automatik begriffen werden, denn die Aufseher-Gefangenen haben keineswegs alle in gleicher Weise „regiert“, es konnten sogar unterschiedliche Handlungsstile identifiziert werden!
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Ein Verhaltensaspekt, den Zimbardo nicht näher umschreibt, der sich aber nach der Darstellung des Experiments für die Erklärung der Ein- und Übergriffe der Aufseher aufdrängt, besteht in der Verwendung von Neutralisationstechniken.
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Der Gebrauch von Neutralisationstechniken, so könnte zusammenfassend formuliert werden, gestattet es dem einzelnen, situativ provozierte und nahegelegte Verfehlungen in etwas Unverfängliches oder sogar Positives umzuformen, um der Versuchung anschließend mit beruhigtem Gewissen nachzugeben.
Das Experiment erschüttert, eröffnet aber zugleich kriminalpolitische Perspektiven
Das Experiment erschüttert, eröffnet aber zugleich kriminalpolitische Perspektiven.
Zu seinen Lehren gehört, dass die Handlungssituationen den Menschen nicht unabänderlich vorgegeben sind, sondern gestaltet werden können – und müssen.
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Diejenigen, die Menschenrechte und Strafnormen missachten, sind im Allgemeinen keine „anderen Menschen“, sondern „normale“ Menschen, die in kriminogenen Situationen keine Widerstandskräfte aktiviert und sich meist eine Quasirechtfertigung aufgebaut haben, mit der sie den inneren Widerspruch zwischen der aktuellen Verletzung der abstrakt auch von ihnen anerkannten Verhaltensgebote für sich ausgleichen.
H.J. Schneider: Kriminologie der Gewalt, 1994, S. 110 f.
Grundlegend G.M. Sykes/D. Matza: Techniken der Neutralisierung: eine Theorie der Delinquenz, in: F. Sack/R. König (Hrsg.): Kriminalsoziologie, 1968, S.360 f.; s. ferner R. Agnew: The Techniques of Neutralization and Violence, in: Criminology 32 (1994), S. 555 f. sowie H. Jäger: Makrokriminalität, 1989, S. 65 f. u. 88 f. |