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Fremdenfeindliche Straftaten › Spezialthemen Neubacher

4. Erklärungsansätze für rechtsextremistisches
bzw. fremdenfeindliches
Verhalten junger Männer

a) Normalität abweichenden Verhaltens im Jugendalter

Soweit den Medien demnach eine Verantwortung zufällt, bezieht sie sich auf die unmittelbare Tatveranlassung, also gleichsam auf die Aktualisierung einer entsprechenden Tatgeneigtheit.

Die Frage, worauf sich wiederum diese zurückführen läßt, ist eine Frage nach den Ursachen der fremdenfeindlichen Jugendgewalt.

Die Kriminologe spricht nicht gern von "Ursachen" der Jugendkriminalität.

Zum einen sträubt sie sich gegen damit verbundene Vorstellungen einer gleichsam naturwissenschaftlich-kausalen Verknüpfung.

Zum anderen hat die Jugendkriminologie mit ihren  Dunkelfeldforschungen ergeben, daß abweichendes Verhalten im Jugendalter, sofern es sich nicht um schwerste Kriminalität handelt, normal und ubiquitär ist und auch ohne staatliche Sanktionierung regelmäßig mit zunehmendem Alter von alleine abbricht.

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b) Arbeitslosigkeit und Desintegration als Ursachen?

In diesem Zusammenhang ist bis heute, im übrigen vor allem durch die Medien, immer wieder behauptet worden, dafür sei die Arbeits- und Orientierungslosigkeit unter Jugendlichen verantwortlich.

Kein nachweisbarer Zusammenhang
zwischen Arbeitslosigkeit
und fremdenfeindlichen Verhaltensweisen

Hintergrund sind die Arbeiten des Bielefelder Jugendforschers Heitmeyer, der ein Desintegrationstheorem zur Erklärung fremdenfeindlicher Einstellungen und Verhaltensweisen entwickelt hat,

wonach diese des Ergebnis eines individuellen Verarbeitungsprozesses der gesellschaftlichen Modernisierung seien.[1].

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c) Subjektive Einschätzungen der Lebenssituation und das gesellschaftliche Klima

Es ist nicht der objektive Umstand der Arbeitslosigkeit, der hier ausschlaggebend ist. Allenfalls kann eine Bündelung von Problemlagen als relevant angesehen werden, die praktisch das Ende eines mißlungenen Sozialisationsprozesses markiert.

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d) Neutralisierung und Umwertung gewalttätigen Handelns

Diese These umfaßt zutreffend sowohl das subjektive Element der Empfindung der eigenen Position als auch das Element der Rechtfertigung des eigenen Verhaltens, welches besonders wichtig ist und hier im Kontext von Gleichaltrigenclique und Medienberichterstattung erläutern werden soll.

Die Kriminologie spricht weniger von Rechtfertigung als von Techniken der Neutralisierung und Rationaliserung. Diese Sichtweise von kriminellem Verhalten geht davon aus, daß der Täter gesellschaftliche Werte nicht generell ablehnt, sondern sie nur situativ außer Kraft setzt.

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Am Beispiel einer besonderen Neutralisationstechnik soll das kurz erklärt werden.

Die Ablehnung des Opfers stellt eine Form der Neutralisierung dar, die besonders bei Verbrechen gegen Angehörige sozialer Minderheiten eingesetzt wird. In der neutralisierenden Perspektive erscheint das Unrecht tatsächlich nicht als Unrecht, sondern als eine Form gerechter Rache, Strafe oder sogar als Verteidigung des an der "Überfremdungsfront" kämpfenden "politischen Soldaten".

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Die an Irrationalität zuweilen kaum zu überbietende Kampagne um das Asylrecht[2] hat mit ihren pauschalen und negativen Zuschreibungen, die sich in dem Gerede von der "Ausländerschwemme" oder "Ausländerflut", von den "Scheinasylanten", "Asylbetrügern" und "Wirtschafts-Schmarotzern" manifestierten, diesen Gruppenprozeß bei Jugendlichen und die damit zusammenhängende Deindividuation der späteren Opfer wesentlich gefördert.

In theoretischer Hinsicht stellt der Einfluß der peergroup damit ein entscheidendes Verbindungsstück zwischen sozialstrukturellen und individualpsychologischen Erklärungsansätzen dar.


[1] Heitmeyer, Gesellschaftliche Desintegrationsprozesse als Ursachen von fremdenfeindlicher Gewalt und politischer Paralysierung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 2-3/1993, S. 4 f.; Heitmeyer, Die Bielefelder Rechtsextremismus-Studie, 1992.

[2] Vgl. Althoff, Die soziale Konstruktion von Fremdenfeindlichkeit, 1998

 
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