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Jugendkriminalität › BasisinformationenH.-J. KernerKap. 6

6. Auswirkungen von Jugendkriminalität sowie Chancen und Grenzen von Präventivmaßnahmen

6.1 Schäden durch Kriminalität

Auch ein noch so großes Verständnis für die Belange des jugendlichen Täters darf nicht vergessen lassen, dass durch Verbrechen im Einzelnen und durch die Kriminalität im Allgemeinen ein erheblicher Schaden angerichtet wird.

Gewalttaten beeinträchtigen Gesundheit, Leib und Leben von einzelnen Bürgern. Beleidigungen, üble Nachreden und Verleumdungen graben den Mitmenschen die Ehre ab und können in besonders ausgeprägten Fällen zur Vernichtung der sozialen oder der wirtschaftlichen Existenz führen.

Diebstahl, Unterschlagung und Betrug schädigen fremdes Eigentum und Vermögen und führen nicht selten gerade arme Opfer in tiefe wirtschaftliche Not. Handtaschenräubereien sind noch nicht einmal deswegen so schlimm, weil Geld und eventuell Papiere verlustig gehen, sondern vor allem deswegen, weil durch sie ein Gefühl der Verunsicherung hervorgerufen werden kann, das die Konsequenz hat, dass öffentliche Wege, Straßen und Plätze als Raum angesehen werden, den man am besten meidet.

Über den individuellen Schaden hinaus, den ein bestimmtes einzelnes Opfer erleidet, kann somit Kriminalität erheblich zu einer Schädigung des freien und ungestörten öffentlichen Zusammenlebens beitragen.

Es gibt aber ferner einen indirekten individuellen und gesellschaftlichen Schaden, der sich beispielsweise im Hinblick auf die Eigentums- und Vermögensdelikte dahingehend auswirkt, dass Versicherungsprämien (Hausratversicherung, Kraftfahrzeugversicherung und anderes mehr) drastisch in die Höhe gehen, weil die durch Kriminalität verursachten Schäden gleichmäßig auf alle Versicherungsnehmer umgelegt werden müssen.

Besondere Formen von Kriminalität, die allerdings bei Jugendlichen noch so gut wie keine Rolle spielen, führen darüber hinaus einen allgemeinen Verlust des Vertrauens in die Verlässlichkeit der Mitmenschen herbei, der gerade im Wirtschaftsleben erhebliche Langfristkonsequenzen haben kann: Angesprochen ist damit die moderne und intensive Wirtschaftskriminalität.

Aber die Kriminalität hat auch Rückwirkungen auf den Täter selbst, die gelegentlich weit über das hinausgehen, was er infolge einer unmittelbaren Sanktion erleidet. Bereits oben war darauf hingewiesen worden, dass von einer Straftat eine ganze Anzahl von Rechtsgebieten berührt sein kann, so dass auf den Täter die unterschiedlichsten Ansprüche zukommen. Ein Leben lang mit Regressforderungen belastet zu sein, kann den Weg ins soziale Abseits mitunter stärker determinieren als das Erleiden einer Kriminalstrafe.

Radikaler Bruch der Lebensgeschichte

Im Rahmen der Kriminalstrafe spielt die Freiheitsstrafe eine besondere Rolle. Die Vollstreckung der Freiheitsstrafe und dann insbesondere ihr Vollzug in einer Strafanstalt kann zum Auslöser für einen radikalen Bruch in der Lebensgeschichte werden. Es kann zunächst eine Entfremdung mit dem Ehepartner beginnen, die schließlich mit dem Scheitern der Ehe endet, an das sich eventuell ein Berg von Unterhaltsschulden anknüpft. Nach der Entlassung aus dem Vollzug kann man sich ganz unmittelbar und drastisch mit den Konsequenzen des Makels der "Vorstrafe" konfrontiert sehen, wenn beispielsweise alte Bekannte den Kontakt meiden, Arbeitgeber unangenehme Fragen stellen und gegebenenfalls erklären, dass die in Aussicht genommene Stelle leider schon besetzt sei.

Bei erneuter späterer Auffälligkeit, die sich aus ganz zufälligen Konstellationen entwickelt haben mag, besteht die überproportional große Gefahr, dass Polizei- und Justizorgane nicht von Zufälligkeit ausgehen, sondern den "Rückfall" als ein Indiz für tiefer liegende Tendenzen zur Kriminalität werten und deshalb eine relativ einschneidende Sanktion für erforderlich halten.

Schließlich kann am Ende mehrerer einschlägiger Entwicklungsstufen eine Person, die sich ursprünglich als normaler Mensch begriffen hat, sich plötzlich selbst als jemanden zu sehen beginnen, der "eigentlich wirklich kriminell" ist, so dass es sich nicht mehr lohnt, die Anstrengung auch nur zu versuchen, allen Anfechtungen zum Trotz wieder in ein einigermaßen normales Leben und in eine durchschnittliche angepasste Existenz zurückzukehren.

 
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