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Jugendkriminalität › BasisinformationenH.-J. KernerKap. 6

6.2 Jugendkriminalität als Gefahr für die Zukunft?

Bei besonderer Häufung von Kriminalität allgemein oder von besonders auffälligen Kriminalitätsformen speziell kann Kriminalität auch zu einem Wandel des sozialen Klimas beitragen, so dass sich infolge der dann ergriffenen Maßnahmen langfristig der gesamte gesellschaftliche Zustand objektiv verändert.

Dies im Einzelnen empirisch nachzuweisen, ist freilich ungeheuer schwierig, so dass man in der Kriminologie bis heute fast nur auf Plausibilitätserwägungen verwiesen ist. Es stellt sich die Frage, ob man hier beispielsweise aus der in den vergangenen 30 Jahren doch insgesamt deutlich angestiegenen Jugendkriminalität besondere Gefahren für die Zukunft ableiten kann.

Diese Frage ist ebenfalls nicht verlässlich zu beantworten, da die Wissenschaft bis heute über keine zuverlässigen Kriterien verfügt, um verbindliche Prognosen zu stellen. Wie die vielfältigen Schwierigkeiten der Zukunftsforschung (als eines ganz anderen Bereiches) gezeigt haben, gibt es möglicherweise eine prinzipielle Grenze für verlässliche Prognosen schlicht und einfach schon deshalb, weil die gesellschaftliche Entwicklung ein sich fortlaufend verändernder dynamischer Prozess ist, dessen bestimmende Merkmale wir nur sehr unvollkommen kennen, Merkmale, die darüber hinaus möglicherweise in unendlichen Kombinationen vielfach unterschiedliche Entwicklungsverläufe einleiten können.

Keine verbindlichen Prognosen möglich

Immerhin gibt es einige Anhaltspunkte, die man für weitere Überlegungen heranziehen kann, und sei es nur mit dem Zweck, potentiellen schädlichen Verläufen von vornherein den Überschlag in die Aktualität zu verbauen. Wir können Lehren aus der Sozialisationsforschung ziehen, beispielsweise im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen emotional getragenen engen Bindungen im sozialen Nahbereich, direkter sozialer Kontrolle durch Primärgruppen und der Rate kindlicher und jugendlicher Abweichung.

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Wir können weiterhin Lehren aus der Sozialpsychologie ziehen, beispielsweise im Hinblick auf die Ausgrenzung von Minderheiten und deren erhebliche Konsequenzen. In dieser Hinsicht spielte zuerst die Zweite Generation der angeworbenen Arbeiter aus den sog. Gastarbeiterstaaten eine kritische Rolle. Inwieweit sich dies nachweisbar auf kriminelle Gefährdung ausgewirkt hat, ist zwischen Praxis und Wissenschaft sowie innerhalb der Wissenschaften bis heute strittig.

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Selbst Kriminologen, die von der erhöhten Kriminalitätsbelastung junger Immigranten oder Minoritätsangehörigen als einem immer wieder festgestellten Faktum ausgehen, halten sie in der Regel nicht für eine "Eigenschaft" der Personen, schon gar nicht für irgendein unabänderliches "Erbe" einer ethnischen Gruppe, sondern für ein Ergebnis sozio-ökonomischer Bedingungen und sozialpsychologischer Interaktionen.

 
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