Jugendkriminalität
und elterliches Erziehungsverhalten
von Dr. Jürgen Raithel,
Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik an der Otto-Friedrich-Universität
Bamberg
Im Mittelpunkt dieses Beitrags steht die Frage, inwiefern einerseits eine
empathische, unterstützende Erziehung und andererseits sanktionierende und
gewaltsame Erziehungsweisen mit der Jugendgewalt und Jugendkriminalität zusammenhängen.
Dazu werden aktuelle Forschungsbefunde präsentiert. Datengrundlage bildet
die Münsteraner Jugendkriminalitätsstudie 2000, bei der Schülerinnen
und Schüler nach Erziehungsstilen, Viktimisierungs-und Gewalterfahrungen
befragt und diese mit der selbstberichteten Delinquenz verglichen wurden.
Ausgangspunkt des Beitrags ist die intensivierte Diskussion über einen Zusammenhang
zwischen einem lieblosen und gewaltsamen Umgang der Eltern mit ihren Kindem,
die Gewalt ausüben.
Als häufige Ursache von Jugendgewalt werden ein marodes Elternhaus, gewalttätige
Eltern oder ein stark einschränkender Erziehungsstil genannt.
Erziehungsstil und Jugendgewalt
Die Familie ist für die Entstehung und
Entwicklung von Delinquenz im Kindes-und Jugendalter von
zentraler Bedeutung. Innerhalb des Zusammenhangs von familiärer Sozialisation
und Jugenddelinquenz setzt die kriminologische Forschung,
neben beispielsweise belasteten Wohnverhältnissen und neuen
Familienkonstruktionen, in den letzten Jahren insbesondere
den Schwerpunkt auf die innerfamiliäre Gewalt und Misshandlungen
der Kinder (Diagramm
1).
In der Erziehungsstilforschung gab es insbesondere
in den 70er Jahren bis Anfang 80er in Anlehnung an das Zweikomponenten-Modell,
auch Marburger Erziehungsstil-Modell (Herrmann/Stapf/Krohne
1971) genannt, eine intensive Phase der Auseinandersetzung
mit dieser Thematik. Merkmale des elterlichen Erziehungsverhaltens werden in
der Marburger Erziehungsstiltheorie mittels der Dispositionsbegriffe »Unterstützung« und »Strenge« beschrieben.
mehr ›› Erziehungsstil
und Formen der
Jugendkriminalität In der Münsteraner Jugendkriminalitätsstudie berichteten
63 Prozent aller Schüler/innen ein »ernpathisches« Erziehungsverhalten,
d.h., sie wurden beruhigt, getröstet, bei Ärger mit anderen
unterstützt, erhielten bei Fehlern Erklärungen und wurden
gelobt.
mehr ›› Mit Blick auf die Deliktbeiastung ist zunächst festzustellen,
dass 32 % (24 % Mädchen, 39 % Jungen) der Befragten für die
vorhergehenden 12 Monate die Begehung mindestens einer Straftat
berichten.
mehr ››
Besonders auffällig für den Zusammenhang zwischen 'Jugendkriminalität
und Erziehung ist die deutlich höhere Delinquenzbelastung
bei Jugendlichen, die auch berichteten, streng und gewaltsam
erzogen worden zu sein. Erziehungsstil
und Jugendkriminalität Die Gewaltkriminalität liegt bei einer nachdrücklichen
Erziehung unter 10 Prozent, während sie bei einer nicht-körperlichen
und/oder gewaltsamen Erziehungsform zwischen 25 und 27 Prozent
liegt. Der Anstieg der Gewalttäterraten in Korrespondenz mit der
Zunahme der elterlichen Gewalt zeigt sich ebenfalls in den
Befunden von Wetzels et al. (2001, 247ff.). Dort ist eine
Zunahme von der leichten körperlichen »Züchtigung« (19%) über
die schwere »Züchtigung« (27%) und die seltene Misshandlung
(33%) bis zur häufigen Misshandlung (36%) dokumentiert (Diagramm 2).
Bei diesen Zahlen ist allerdings anzumerken,
dass die Misshandlungsrate in den untersuchten Großstädten
von Wetzels und Kollegen über der von Münster liegt.
mehr ›› Diskussion der Ergebnisse Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass zwischen den von
Jugendlichen berichteten elterlichen Erziehungsweisen und
der (dunkelfelderhobenen) Deliktbelastung ein Zusammenhang
besteht. Hierbei konnte bestätigt werden, dass eine »strenge Erziehung« mit
und ohne Gewaltanwendung mit einer deutlich höheren Gewalttätigkeit
und Delinquenzbelastung im Jugendalter zusammenhängt. Dies ist im Kontext belastender Sozialisationsbedingungen,
wie fehlende soziale Unterstützung und Wertschätzung durch
die Eltern, gestörte Entwicklung der Affektregulation oder
Empathiefähigkeit zu sehen. mehr ››
Literatur ››
[aus: Neue Kriminalpolitik 2/2002]
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