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Jugendkriminalität › SpezialthemenPrävention

Jugendrechtshäuser

Demokratieschulen und Orientierungsstätten
fÜr junge Menschen in der interkulturellen Kommune
des 21. Jahrhunderts

von Sigrun von Hasseln, Vorsitzende Richterin am Landgericht Cottbus und Vorsitzende des Vereins Recht und Gesellschaft e.V.

 

Im letzten Heft der Neuen Kriminalpolitik setzte sich Theresia Höynck kritisch mit dem Konzept des  »Jugendrechtshauses« auseinander und wies unter anderem darauf hin, dass gemessen an der ambitionierten Selbstdarstellung viele Initiativen und Projekte noch in der Vorbereitungsphase stecken.

Da dadurch der Anschein geweckt werden könne, dort würde keine ernsthafte und verdienstvolle Arbeit geleistet, bat Sigrun von Hasseln als Initiatorin des Konzeptes um die Möglichkeit einer umfassenden Gegendarstellung.

Der vorliegende Beitrag dokumentiert ausführlich den aktuellen Stand der Arbeit aller Vereine und Initiativen, die sich am 28. Mai 2002 in Berlin zum »Bundesverband der Jugendrechtshäuser Deutschland« zusammenschließen wollen.

Der Artikel »Das Jugendrechtshaus - neuer Akteur in der Kriminalpolitik« einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen hat zu den offensichtlich beabsichtigten erheblichen Irritationen und zu großer Empörung von hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitern der Jugendrechtshäuser in Deutschland geführt.

Es ist zwar verständlich, wenn neue Ideen - insbesondere in etwas konservativeren Kreisen - zunächst misstrauisch beäugt werden. In Deutschland, so der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Peter Struck bei einer bildungspolitischen Tagung am 9. Juni 2001 in Potsdam, dauere es im Durchschnitt 15 Jahre, bis sich eine gute pädagogische Idee durchsetze.

Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass Jugendrechtshausinitiativen bei vielen kommunalen Jugendämtern und insbesondere Jugendhilfeausschüssen aus Angst vor unliebsamer Konkurrenz vor noch oft große Hürden gestellt werden. Eine grundsätzlich ablehnende Haltung allem Neuen gegenüber darf aber nicht so weit führen, dass in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift Beiträge junger Assessoren zur Veröffentlichung zugelassen werden, in denen nicht einmal ein Minimum an Recherche durchgeführt und, noch schlimmer, schlichtweg falsche Fakten benannt werden. Schon bei minimalster Basisrecherche wären folgende Fakten ermittelt worden:

Theoretische Grundlagen

Das Jugendrechtshaus (im Folgenden kurz: JRH) [1] versteht sich als ständig in der Entwicklung befindliche Demokratieschule und geistig-ethische Orientierungs-und Bildungsstätte in der sozialen, interkulturellen Kommune des 21. Jahrhunderts.

  • Sein Lern-und Erziehungsziel lautet Hilfestellung zur Zukunftsfähigkeit für junge Menschen vom Kindergartenalter an. Dabei sollen junge Menschen vor allem lernen, mit anderen in einer offenen, multikulturellen High-Tech-ZivilGesellschaft in friedlicher Nachbarschaft zu (über)leben.
  • Mit seinem ganzheitlichen, rechtsethischen und rechtspädagogischen Ansatz soll das JRH als Präventionszentrum und Partner im Jugendstrafverfahren langfristig Gewalt, Rechtsextremismus und sonstige Delinquenz bei jungen Menschen verhindern. An oberster Stelle steht dabei die Vermittlung von Rechtsbewusstsein als gesamtgesellschaftliche Basisaufgabe eines demokratischen Rechtsstaats.
  • Mit Hilfe der im Rahmen der Arbeit des JRHes interdisziplinär entwickelten und noch ausbaufähigen Rechtspädagogik[2]  wird auf ganzheitlicher Basis und im Geist der Rechtsphilosophie Arthur Kaufmanns[3] versucht, rechtsphilosophische Inhalte in den Alltag des Kindergartens, der Schule, des Jugendclubs und möglichst auch des Elternhauses niederschwellig zu transformieren.
  • Unter dem Motto: »Die Erziehung zum Recht beginnt im Kindergarten« sollen junge Menschen auf interdisziplinärer Basis durch ein vielseitiges, unkonventionelles und niederschwelliges Angebot so früh wie möglich an die grundlegenden Prinzipien des Zusammenlebens in Theorie und Praxis herangeführt werden.
  • Sie sollen diese durch möglichst viele Erfahrungen als Bestandteil ihres Alltags begreifen und gedanklich in der Lage sein, sich selbst als Subjekte des alltäglichen Rechtsgeschehens einzubinden.
  • Sie sollen ferner Gelegenheit zur kritischen Auseinandersetzung mit Grundfragen der Gesellschaft sowie zur Einbringung innovativer Ideen und zum lebensvorbereitenden Üben von demokratischen Spielregeln und Verantwortung erhalten.

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Äußere Rahmenbedingungen

Wer in einer Zeit leerer Kassen, in -der meist schnelllebige, auf Wahlperioden zugeschnittene Dünnbretterfolge das Rennen machen, versucht, ein so breit angelegtes wissenschaftliches Konzept -auf im Wesentlichen ehrenamtlicher Basis -unter Gründung eines Netzwerkes in die Praxis umzusetzen, kann nicht erwarten, dass sich ein solches Projekt binnen weniger Monate problemlos in jede Kommune integrieren lässt.

Schließlich geht es nicht um die Verlängerung der schon unendlichen Reihe konkurrierender Jugendhilfeeinrichtungen, sondern darum, in einer Kommune unspektakulär und dauerhaft eine mit vielen Institutionen zusammenarbeitende. Kommunikations-und Vermittlungsbörse für junge Leute rund um das Recht zu schaffen, die informeller, behördenübergreifender Integrationsfaktor, Bildungsträger und Partner für Elternhaus, Kindergarten, Schule, Ausbildungsbetrieb, Bildungsträger, Jugendclub, Jugendhilfeeinrichtungen, Jugendamt, Polizei und Jugendgericht ist.

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Dieser vielschichtige Prozess kann nur in teilweise sehr kleinen Schritten erfolgen. Menschen, die sich trotz aller Widrigkeiten bereit erklären, mitzuarbeiten, muss gestattet sein, in Ruhe eine Initiative zu gründen, -die Grundlagen zu prüfen, Verbündete zu suchen, Infoveranstaltungen durchzuführen usw.

Selbst wenn das Ergebnis zunächst nur darin besteht, dass Verantwortliche einer Kommune im kleinen Kreis über das Projekt sprechen und zunächst nur ein Beratungstelefon einrichten, das von einem Rechtsanwalt oder einem Sozialpädagogen betreut wird, ist der entscheidende Durchbruch zum JRH in dieser Kommune geschafft. jedes Kind und jeder jugendliche, dem schon durch ein solches Beratungstelefon geholfen werden kann, ist als Erfolg auf dem schwierigen Weg der kleinen Schritte zu verbuchen

Die Sicherung der finanziellen Basis

Das JRH setzt auf Sparsamkeit als neue alte Tugend, die wir und unsere Kinder vor dem Hintergrund knapper werdender Güter und leerer Kassen lernen müssen.

Zur Sparsamkeit gehört insbesondere die Fähigkeit, aus »Nichts« etwas machen zu können. Das wiederum aktiviert die oft (über)lebenswichtige Phantasie, sich und anderen auch aus schwierigsten Lebenssituationen heraushelfen zu können, ohne gleich auf die »schiefe Bahn« zu geraten.

Selbstverständlich geht es nicht ganz ohne Geld, und so benötigen die Jugendrechtshäuser, die ja ausschließlich öffentliche Aufgaben wahrnehmen, zumindest eine finanzielle Grundausstattung für Sach-und Personalmittel.

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Jugendrechtshäuser und Jugendrechtshausinitiativen in Deutschland

Jugendrechtshäuser sind Einrichtungen, die im Rahmen eines offiziellen Gründungsaktes gegründet wurden, und in denen Arbeit mit jugendlichen geleistet wird.

Dabei kann es sich um ein komplettes gegenständliches Haus, eine Etage" einen Raum oder gar um ein virtuelles JRH (s.u.) handeln, wenn es in einer Kommune noch kein reelles gibt.

Da die praktische Jugendarbeit überwiegend außerhalb eigener Räumlichkeiten in Schulen, in Gerichtssälen, in Jugendclubs, in Rechtsanwaltskanzleien oder auf der Straße (Streetwork) geleistet wird, wäre es unter Kostengesichtspunkten unvernünftig, zu große Räumlichkeiten zu bewirtschaften.

Bei den Initiativen handelt es sich um einen Kreis von Personen, die konkrete Vorbereitungshandlungen zur Gründung eines JRHes leisten.

Im März 2002 gibt es in insgesamt neun Bundesländern ca. 23-27 Jugendrechtshäuser und Initiativen mit steigender Tendenz. Der Schwerpunkt liegt in Brandenburg mit ca. 13-17.

Im Folgenden werden die einzelnen Einrichtungen und Initiativen kurz vorgestellt:

Land Brandenburg

Land Mecklenburg-Vorpommern

Hamburg

Niedersachsen

Nordrhein-Westfalen

Sachsen

Sachsen-Anhalt

Baden-Württemberg

Bayern

Die Gründung des Bundesverbandes der Jugendrechtshäuser

Am 28. Mai 2002 wird in Berlin der Bundesverband der Jugendrechtshäuser Deutschland mit Sitz in Berlin gegründet.

Ziel des Bundesverbandes ist die optimale und flächendeckende Umsetzung der Konzeption der Jugendrechtshäuser in Deutschland als Demokratieschulen und Orientierungsstätten für junge Menschen in der interkulturellen Kommune des 21. Jahrhunderts, die Jugenddelinquenz und damit auch Rechtsextremismus vorbeugen wollen.

Spätestens seit dem barbarischen Terroranschlag von New York am 11. September 2001 ist offenkundig, dass Prävention nur mit Hilfe einer flächendeckenden, ganzheitlichen Rechtsgrundlagen-und Wertevermittlung möglich ist.

Zu den zu erwartenden Vorteilen des Bundesverbandes gehören die Erleichterung des interdisziplinären Erfahrungsaustausches, die Nutzung des Synergieeffektes, eine effektivere Mitwirkung am rechts-und erziehungspolitischen Meinungsbildungsprozess als Ansprechpartner für Bundesbehörden, die Effektuierung der wissenschaftlichen Begleitung, Qualitätssicherung und Evaluation sowie die zentrale Fördermittel-Beschaffung, die effektivere Fortbildung von Multiplikatoren (Lehrern, Juristen, Pädagogen, Eltern) und die Optimierung der Netzwerkarbeit auf Bundesebene.

Vor der eigentlichen Gründungsveranstaltung veranstalten die Friedrich-Ebert-Stiftung und der Verein Recht und Gesellschaft e.V. ab 10.00 Uhr die öffentliche, interdisziplinäre Fachtagung "Demokratieschulen in der interkulturellen Gesellschaft. Das Modell der Jugendrechtshäuser."

[Quelle: Neue Kriminalpolitik 2/2002]


[1] Sigrun v. Hasseln (Hrsg.), Das Jugendrechtshaus 2000, Orientierungsstätte für junge Menschen in der sozialen Stadt des 21. Jahrhunderts. Berlin 2000.

[2] Sigrun v. Hasseln »Rechtspädagogische Bausteine im Jugendrechtshaus«. Wenn Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte in die Schulen gehen. März 2001 (zu beziehen b. Cottbuser Jugendrechtshaus, Gerichtsstr. 1, 03046 Cottbus)

[3] Arthur Kaufmann, Rechtsphilosophie, München,  2. Aufl. 1997

[8] Horst Viehmann i. v. Hasseln, Das Jugendrechtshaus 2000, aa0. S. 215 ff. Das Jugendrechtshaus als Integrationspartner für die Justiz.

[9] Sigrun v. Hasseln, Das Jugendrechtshaus 2000,  aa0. S. 162.

[10] S.v.Hasseln, Vom Fremdenhaß zur Toleranz. Interkultureller Täter-Opfer-Ausgleich. Neue Justiz 2002,182.

[11] vgl. z.B. S.v.Hasseln, Wenn Bettnässer Weltpolitik machen. Rechtsradikale Kinder auf der Anklagebank. Was können wir in der Justiz tun? Was können wir als Bürger tun? Kann das Jugendrechtshaus helfen? »Betrifft Justiz«, 2000, 304.

[12] S.v.Hasseln, Tilly Timber auf Megaland. Geschichten rund um das Jugendrechtshaus. Rechtspädagogisches Kinder-u. Jugendbuch, 128 S., 19,80 DM. Leipzig 1998. ISBN 3-931801-63-2.

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