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Jugendkriminalität › SpezialthemenSchule und Gewalt

Gewalt in der Schule

Die Entstehung von Problembewusstsein

Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre entdeckte man zuerst in den skandinavischen Ländern, dass eine Minderheit von Prügelknaben (Whipping Boys) von einer Minderheit von Streithähnen (Bullies) in öffentlichen Schulen drangsaliert und tyrannisiert wurde. Unter Drangsalieren und Tyrannisieren versteht man das absichtliche Zufügen von Leiden durch ständig sich wiederholende körperliche Angriffe, durch Einschüchterung mit Worten und Taten, durch Schikanierung und fortwährende Belästigung eines(r) Schülers(in), der (die) sich nicht zu wehren versteht. Dieses Drangsalieren oder Tyrannisieren beruht auf einer Unausgewogenheit in den Stärke-Beziehungen, die zu einer Interaktion der Über-Unter-Ordnung und zu chronischem Machtmissbrauch führt. Durch spektakuläre Morde an Schülern und durch Schülerselbstmorde wurde auch die japanische Öffentlichkeit seit dem Jahre 1975 auf dieses Problem aufmerksam. Ende der siebziger Jahre ließen das Bundesgesundheitsministerium für den Kongress der Vereinigten Staaten und das Bundesjustizministerium empirische Erhebungen zur Gewalt in der Schule (körperliche Angriffe der Schüler auf Lehrer und Gewalt unter den Schülern) in den USA durchführen. Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre bemerkte man das Problem der Gewalt in der Schule auch in England und in Australien. Neuerdings wird schließlich in den Massenmedien der Bundesrepublik vermehrt über Gewalt in der Schule, insbesondere in den Großstädten und in den neuen Bundesländern, berichtet.

Ausmaß des Problems

In den öffentlichen Schulen der Großstädte der USA werden jedes Jahr etwa 10 Prozent der Lehrer der Sekundarstufe I körperlich angegriffen; 5 Prozent werden Opfer eines Raubs. in Japan ist die Zahl der körperlichen Angriffe auf Lehrer seit dem Jahre 1978 bis zum Jahre 1983 ständig gestiegen, seit 1984 aber rückläufig. Jedes Jahr wird in den öffentlichen Schulen der Großstädte der USA mindestens die Hälfte der Schüler Opfer von Körperverletzungen durch ihre Mitschüler; ein Drittel der Schüler wird beraubt. Über Gewalt unter Schülern gibt es in der Bundesrepublik bisher nur zwei Erhebungen. An Grund- und Hauptschulen, an Sonderschulen für Lernbehinderte, an Realschulen und Gymnasien des Bundeslandes Rheinland-Pfalz wurden 3.933 Lehrer befragt. Nach ihren Angaben begingen nur 5,6 Prozent der Schüler körperliche Aggressionen. Sonderschulen und Hauptschulen waren überrepräsentiert. Für Gymnasien ergaben sich - im Vergleich zu anderen Schularten - die geringsten Nennungen bei Aggressionssymptomen. In Grundschulen wurde körperliche Gewalt in den Klassen häufiger festgestellt, in denen der Anteil der Schüler aus Wohnblocksiedlungen am Ortsrand und aus Obdachlosensiedlungen überdurchschnittlich hoch war. In Düsseldorf und Duisburg hat man 759 Schüler des 7. und 9. Jahrgangs aus Haupt-, Real-, Gesamtschulen und Gymnasien (insgesamt 28 Schulklassen aus acht Schulen) schriftlich befragt. 31,9 Prozent der Schüler gaben an, sich mit Mitschülern zu schlagen. 25 Prozent berichteten, sie verprügelten einen Mitschüler gemeinsam mit anderen, zum Beispiel in der Pause auf dem Schulhof oder auf dem Heimweg.

In Norwegen und Schweden werden etwas mehr als 3 Prozent aller Schüler (etwa 18.000 Schüler) einmal oder mehrmals in der Woche drangsaliert. Täter sind etwas weniger als 2 Prozent aller Schüler (etwa 10.000 Schüler). Diese Erkenntnis folgt aus drei Datenquellen:

  • In Norwegen befragte man 130.000 Schüler in 715 Schulen.
  • In Bergen/Norwegen führte man eine Befragung von 2.500 Schülern, 400 Lehrern und 1.000 Eltern durch.
  • In Stockholm stützte man sich auf den Selbstbericht von 900 Schülern.

Nach einer britischen empirischen Studie fürchten sich 58 Prozent der Grundschulkinder davor, drangsaliert zu werden. Aufgrund einer weiteren britischen empirischen Studie sagen 23 Prozent der Grundschulkinder, sie seien am Drangsalieren als Täter oder am Drangsaliertwerden als Opfer beteiligt. In Tokio berichteten 76,9 Prozent aller öffentlichen Schulen in den Jahren 1984/85 ihrer Aufsichtsbehörde Fälle des Tyrannisierens von Schülern durch Mitschüler. Nach einer Befragung von 670 Schülern und 32 Lehrern dreier Grundschulen und eines Gymnasiums in Adelaide/Australien werden dort 17 Prozent der Jungen und 11 Prozent der Mädchen drangsaliert.

Erscheinungsform und Schäden der Gewalt in der Schule

Das Tyrannisieren ist eine heimliche, verdeckte Aktivität, die an Orten, auf Fluren, in Treppenhäusern, Toiletten, Umkleideräumen, verübt wird, an denen sich Schüler unbeobachtet fühlen. Die Opfer berichten nicht über ihre Viktimisierung, weil sie Angst vor Vergeltung haben und weil sie annehmen, dass sich Lehrer und Eltern nicht gern in Schülerstreitigkeiten einmischen. In der Tat unternehmen Lehrer wenig, um dem Tyrannisieren Einhalt zu gebieten. Meist erfahren sie nichts darüber. Wenn sie etwas davon hören, sind sie allerdings häufig der Meinung, es sei besser, nicht zu intervenieren. Die Eltern wissen wenig über die Viktimisierung ihrer Kinder und über die Viktimisierung durch ihre Kinder. Die Opfer tragen nicht so sehr körperliche als seelische Verletzungen davon. Durch die mitunter jahrelangen Demütigungen und Erniedrigungen sind sie oft ein Leben lang in ihrem Selbstwertgefühl schwer beeinträchtigt. Bei den Tätern entsteht freilich auch ein psychischer Schaden: Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich zu erwachsenen Kriminellen oder Sozialabweichlern entwickeln, ist bei ihnen viermal höher als bei den Kindern, die ihre Klassenkameraden nicht tyrannisieren. Effektives Lernen ist nur in einer Atmosphäre des Selbstvertrauens, der Sicherheit, des gegenseitigen Respekts und der Kooperation möglich. Die Schulen sind deshalb dafür verantwortlich, eine sichere Umgebung für jedes Kind zu schaffen. Jeder Schüler besitzt ein Grundrecht auf Freiheit vor Entwürdigung, Angst, Unterdrückung und Degradierung.

Ursachen der Gewalt in der Schule

Nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung müssen zur Erklärung der Gewalt in der Schule die folgenden Theorien miteinander kombiniert werden:

  • Da die gewaltbelasteten Schulen vor allem in den Großstadtbezirken liegen, die durch die Zerrüttung der Gemeinschaft gekennzeichnet sind (Extremformen: Slums, Armengettos), muss die Theorie der sozialen Desorganisation die Grundlage der Erklärung bilden. Gewalt entsteht, wenn Gemeinschaften, wenn zwischenmenschliche Beziehungen zerfallen. Slum ist nicht nur charakterisiert durch sozioökonomischen Mangel; er ist auch ein Lebensstil. Die Menschen verlieren die Fähigkeit zur informellen Kontrolle und zur friedlichen Konfliktregulierung.
  • In den sozial desorganisierten Großstadtbezirken entwickelt sich eine Subkultur der Gewalt, in der sich gewaltfreundliche Wertvorstellungen, Leitbilder und Verhaltensstile herausbilden, in der zahlreiche gewaltorientierte Modelle das Lernen gewaltsamen Verhaltens leicht machen und in der die Mitglieder der Subkultur gewaltsames Verhalten erwarten und fördern. Gleichzeitig wird in diesen Großstadtbezirken die Schule abgelehnt, und die schulischen Erziehungsbemühungen werden nicht unterstützt. Man hat kein Verhältnis zu Büchern, zu Wissenschaft, Kunst und Musik. Die Kinder wachsen in der Familie disziplinlos und nahezu aufsichtslos auf; sie sind für die Schule nicht vorbereitet und haben nicht gelernt, längere Zeit ruhig zu sitzen und sich auf geistige Inhalte zu konzentrieren.
  • Ein negatives soziales Klima in der Schule trägt zur Gewaltentstehung bei. Die Schule ist nur noch eine anonyme Arbeitsstätte ("Lernfabrik"), für die man keine Sympathie und keine Verantwortung mehr empfindet und für die man nur noch die notwendigsten Verpflichtungen übernimmt. Die Mitbestimmungsmöglichkeiten der Schüler(innen) sind unklar; man legt auf sie wenig Wert. Die mitmenschlichen Beziehungen verkümmern; die Interaktionen zwischen Lehrern, Schülern und Eltern werden vernachlässigt.
  • In den gewaltbelasteten Schulen herrschen "maskuline" Rollen und Normen vor. Dominanz, Überheblichkeit und Aggressivität werden hoch geschätzt. Das Zeigen von Emotionen (zum Beispiel Weinen) gilt als Schwäche; "Schwächlinge" werden als unsympathisch beurteilt.
  • Die soziale Lerntheorie stellt zunächst auf die Entwicklung tätergeneigter Persönlichkeiten bei Schülern durch Erziehungsfehler ab. Ihre Eltern zeigen ihnen gegenüber eine ablehnende emotionale Einstellung; es mangelt den Jungen an Liebe, Zuneigung, Sorge und Beaufsichtigung. Ihre Eltern setzen dem aggressiven Verhalten ihrer Jungen keine klaren Grenzen und wenden nicht selten körperliche Strafen an. Die Jungen sind körperlich stark; sie haben großes Selbstvertrauen, ein starkes Bedürfnis, andere Kinder zu beherrschen, und eine Freude daran, andere Kinder zu quälen, und ihre Freunde zu ermuntern, es auch zu tun.
  • Nach der sozialen Lerntheorie wird die Persönlichkeitsentwicklung opfergeneigter Schüler auf den Sozialisationsmangel des überbeschützenden Verwöhnens ("Overprotection") zurückgeführt. Die opfergeneigten Kinder sind körperlich schwach, ängstlich, unsicher, empfindlich, feinfühlend und leicht verletzbar; in der Schule sind sie einsam und verlassen; von Gleichaltrigen werden sie zurückgewiesen; sie können sich nicht behaupten, besitzen ein zu schwaches Selbstbewusstsein, und sie können sich nicht verteidigen, wenn sie angegriffen oder verletzt werden.
  • Die Vertreter der sozialen Lerntheorie weisen schließlich noch darauf hin, dass die Lehrer(innen) durch Erziehungsfehler die Aggressivität der tätergeneigten Schüler häufig noch verstärken. Aggressive Kinder erhalten mehr Aufmerksamkeit seitens der Lehrer als unauffällige. Hierbei handelt es sich verhältnismäßig oft nicht um tadelnde, sondern um positive und deshalb in dieser Situation fehlerhafte Zuwendung. Aggressive Kinder erzwingen sich Beachtung; gewaltsames Verhalten wird durch Zuwendung belohnt und verstärkt

[Aus: Schneider, H.J.: "Kriminologie der Gewalt", S. Hirzel, Stuttgart - Leipzig, 1994]

 
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