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JSO-Experten-Kommentar zu:
Glen Mills Gang
Gefangen ohne Schloss und Riegel
Dokumentarfilm von
Peter Schran
In der Diskussion um Jugendstrafrecht und Jugendstrafvollzug haben die US-amerikanischen privaten Glen Mills Schools (Pennsylvania) für männliche jugendliche Intensivtäter in Fachkreisen und in der Öffentlichkeit einige Aufmerksamkeit als "Alternativknast" erlangt. Im Mittelpunkt des Dokumentarfilms "Glen Mills Gang" steht das pädagogische Konzept dieser Einrichtung und dessen Anwendbarkeit auf deutsche jugendliche Straftäter.
Dazu hat das Filmteam vier in Deutschland wegen verschiedener Gewalt- und Eigentumsdelikte verurteilte männliche jugendliche Wiederholungstäter in der Auswahlphase für die Aufnahme in Glen Mills, während ihres einjährigen Aufenthaltes in der Anstalt und nach ihrer Rückkehr begleitet.
In Glen Mills sind vor allem solche Jugendliche interniert, deren Straftaten (Einbruch, Raub, Diebstahl/Autodiebstahl) letztlich, so die Annahme, aus der spezifischen Gruppendynamik in subkulturellen Gruppen bzw. Banden ("Gangs") resultieren. In der Auswahlphase für Glen Mills zu Beginn des Films wird ausdrücklich erwähnt, dass Sexualstraftäter und suchtkranke sowie nebulös als "Psychopathen" bezeichnete Jugendliche (Depressive? Jugendliche mit Angststörungen? Suizidgefährdete?) von einer Aufnahme in die Einrichtung ausgeschlossen sind. Dem Ausschluss individuell therapiebedürftiger Jugendlicher entspricht in Glen Mills das offen formulierte Desinteresse an der Biographie der eingewiesenen Jugendlichen.
Sehr eindrücklich vermittelt der Film den lerntheoretischen Grundansatz des Umerziehungskonzeptes von Glen Mills: Erlernte "negative" (unerwünschte) Verhaltensweisen sollen mittels eines relativ schlichten Konditionierungsprogramms durch "positive" (erwünschte) ersetzt werden. Den Dreh- und Angelpunkt dieser Umerziehung bildet ein gezielt auf den Einzelnen ausgeübter permanenter Gruppendruck der Mitinsassen (peer-pressure), der mit einem System positiver und negativer Sanktionen verknüpft ist ("You get what you earn!"). Der Alltag in Glen Mills ist geprägt durch eine strikte Hierarchie, ein rigides Normensystem, militärischen Drill und militärische Umgangsformen.
Die Tatsache, dass die internierten Jugendlichen in der Einrichtung niemals unbeobachtet sind und sich im Eigeninteresse an Vergünstigungen und einem Aufstieg in der Anstaltshierarchie gegenseitig kontrollieren und gegebenfalls "konfrontieren" - eine Filmszene handelt z.B. vom überwachten Toilettenbesuch -, erinnert entfernt an das Panoptikum Benthams, denn "die Häftlinge sind Gefangene einer Machtsituation, die sie selber stützen." (Foucault, "Überwachen und Strafen").
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob hier eine bloße äussere Anpassungsleistung der Jugendlichen oder aber ein Prozess der Internalisierung von Normen und Werten beobachtet wird.
Die im Film vom Leiter der Anstalt angegebene und nicht weiter hinterfragte geringe Rückfallquote der Glen-Mills-Absolventen wird von Sachverständigen jedenfalls aus verschiedenen Gründen bezweifelt. So müssten nicht zuletzt in international vergleichender Perspektive etwa die genannten Prozentwerte unter Berücksichtigung unterschiedlicher Delikttypen und der Auswahlkriterien für eine Aufnahme in Glen Mills analysiert und gegebenenfalls relativiert werden.
Im Übrigen gibt der Film dem Anstaltsleiter viel Raum zur Selbstdarstellung. Ob dagegen die gefilmte Gelegenheit zur Befragung einer fachlich interessierten Besuchergruppe in Gegenwart der Anstaltsleitung nur verpasst oder ein solcher Kontakt nicht erwünscht war, muss offen bleiben.
Deutlich wird anhand des Films, dass auf die Glen Mills Schools die vom amerikanischen Soziologen Erving Goffman herausgearbeiteten Charakteristika totaler Organisationen zutreffen: Die internierten Jugendlichen unterstehen einer einzigen Autorität, sie sind mit wenigen Ausnahmen vollständig von der Anstaltsumwelt abgesondert und ihre Bedürfnisse und Lebensvollzüge werden zeitlich und inhaltlich einer umfassenden Planung unterworfen. Hinzu kommen strenge Vorschriften über die Kommunikationsformen in der Einrichtung. Entsprechend ist die Bildung von "Subkulturen" mit abweichenden Interessen, Regeln und Sondercodes in Glen Mills strikt untersagt. In dieser Hinsicht scheint der Filmtitel "Glen Mills Gang" unglücklich gewählt zu sein.
Denn Gang bzw. Gangbildung ist per definitionem ein Phänomen von Subkultur. Gangmitglieder unterscheiden sich mit der Anerkennung von subkulturellen Gruppennormen und Lebensstilen bewußt von der gesellschaftlichen "Normalität", sie wollen - aus welchen Gründen auch immer - anders oder sogar oppositionell sein. In vollem Gegensatz dazu dienen die Glen Mills Schools einer gesellschaftlichen "Normalisierung" der eingewiesenen Jugendlichen.
Die Ausbildung erwünschter Verhaltensmuster wie Affektkontrolle, Anpassungsbereitschaft, Leistungswille und Leistungsvermögen soll insbesondere durch regelmäßigen Sport, den Erwerb von Schulabschlüssen und die Möglichkeit zur Berufsausbildung gefördert werden.
Eine eingehendere Beschäftigung mit der Konzeption von Glen Mills und der Diskussion um deren mögliche Übertragung auf deutsche Verhältnisse ermöglicht die vom Deutschen Jugendinstitut e.V. herausgegebene Expertise "Die Glen Mills Schools, Pennsylvania, USA. Ein Modell zwischen Schule, Kinder- und Jugendhilfe und Justiz?" (München 2002).
Michael Jankowski
Erstsendung der Langfassung (89 Min.) am 6.12.2000 im WDR; Vorabsendung einer gekürzten Fassung (59 Min.) mit dem Titel "Eldin im Wunderland - Ein Jahr Strafinternat Glen Mills" am 16.5.2000 in ARTE.
Autor: Peter Schran; Produzent für die ARD: MIGRA Filmproduktion & Reportagen GmbH (Köln). |