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JSO-Experten-Kommentar zu:

Gnadenlos

Letzte Chance für einen jungen Gewalttäter

Das seit etwa zwanzig Jahren mit ausgewählten inhaftierten jugendlichen Gewalttätern (Schläger) durchgeführte Anti-Aggressivitäts-Training (AAT) geht als Methode sogenannter "Konfrontativer Pädagogik" mit dem Versprechen hoher gewaltpräventiver Wirkung einher. Der Dokumentarfilm "Gnadenlos" beleuchtet verschiedene Trainingsphasen am Beispiel des wegen schwerer Körperverletzung zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilten und im Jugendgefängnis Hameln einsitzenden 21-jährigen Mehrfachtäters Jens.

"Gnadenlos" konzentriert sich auf wenige, die Praxis des AAT besonders kennzeichnende Phasen und setzt dabei in erster Linie auf einen emotionalen Zugang zum Thema. Der Wiederholungstäter Jens wird zu Beginn der Dokumentation zunächst als gemeingefährlicher, nahezu aussichtsloser Fall vorgestellt - das AAT sei "seine letzte Chance". Die das AAT einleitende biographische Analyse vermittelt dann allerdings ein hinreichend komplexes Bild von Jens als Täter und Opfer in einer Person. Seine brutalen Übergriffe, die negative Selbsteinschätzung als "böser Mann" ("Jeder hat das Recht, ein Arschloch zu sein!") und die anfangs abwehrende Haltung gegenüber dem AAT erscheinen so vor dem Hintergrund einer tief verletzten Persönlichkeit mit geringer Frustrationstoleranz und Angst vor Nähe, ohne (Selbst-) Vertrauen und Visionen.

In der folgenden "konfrontativen" Phase wird Jens zur Auseinandersetzung mit seinen Gewalttaten gezwungen. Die anfänglich von Jens demonstrierte Mitleidlosigkeit gegenüber seinem Opfer und die Selbstrechtfertigungen seiner Tat weichen unter dem kommunikativen Druck des Trainerteams allmählich der Selbstreflexion und der Einfühlung in das Opfer. Der "neue" Jens zeigt Gefühle und sogar Tränen - für den Zuschauer das Zeichen, einen erfolgreichen Veränderungsprozess beobachtet zu haben.

"Gnadenlos" ist allerdings nicht die Dokumentation einer dauerhaften Katharsis: Der "alte" Jens wird in einer kurzen Episode gegenüber einem Mithäftling rückfällig. Gleichwohl sollen zwei eher inszeniert wirkende Filmpassagen den Eindruck einer letztlich positiven Entwicklung bestätigen: Als Wiedergutmachung vergangenen Geschehens entschuldigt sich Jens telefonisch bei seinem Opfer. Und ein bestandener Provokationstest soll belegen, dass Jens während des Trainings gelernt hat, Konflikte verbal zu lösen bzw. ihnen auszuweichen.

"Gnadenlos" verzichtet auf jegliche Hintergrundinformation zum Anti-Aggressions-Training. So erfährt der Zuschauer nichts über dessen konzeptionelle Ursprünge im Umerziehungsprogramm der US-amerikanischen privaten Glen Mills Schools (Pennsylvania) für straffällige schwererziehbare männliche Jugendliche, das mittels harter Konfrontation und Gruppendruck eine Verhaltensänderung zu erzwingen sucht. In diesem Zusammenhang ist das im Film allein genannte AAT-Auswahlkriterium der Intelligenz ("Studierfähigkeit") zu hinterfragen, denn eine für die sogenannte Konfrontationsphase des Trainings ("heisser Stuhl") nicht weniger wichtige Voraussetzung wird nicht erwähnt: psychische Belastbarkeit.

Die dokumentierte Federführung eines Psychologen deutet ja bereits an, dass das AAT die Grenze (sozial-) pädagogischer Intervention überschreitet und die Veränderung der tiefer liegenden Persönlichkeitsstruktur jugendlicher Gewalttäter anstrebt. In Fachkreisen umstritten ist denn auch, ob eine solche Veränderung mit dem AAT-typischen Setting der Konfrontationsphase gelingen kann, das im Kern auf die zahlenmäßige und kommunikative Übermacht des Trainerteams baut. Auch hat eine vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen durchgeführte Evaluation des Hamelner AAT im Hinblick auf die Legalbewährung der Teilnehmer im Vergleich mit einer deliktähnlichen Kontrollgruppe von AAT-Untrainierten keine signifikanten Unterschiede ergeben.

Bei Zuschauern ohne Vorkenntnisse muss "Gnadenlos" im Übrigen den Eindruck hinterlassen, das AAT finde nur in der Binnenwelt des Strafvollzugs statt. Das ist nicht der Fall: Vielmehr geht das Trainingskonzept mit dem umfassenden Anspruch eines "pädagogischen Paradigmenwechsels" einher und zielt nicht allein auf die relativ geringe Zahl inhaftierter jugendlicher Wiederholungstäter, sondern allgemein auf die Gewaltprävention in den Bereichen Jugendhilfe und Schule. Als Anti-Aggressivitäts-Training (AAT)® /Coolness-Training® mit patentrechtlich geschütztem Markennamen wird die Methode auf dem Weiterbildungsmarkt als berufliche Zusatzqualifikation für Lehrer, Sozialpädagogen, Psychologen usw. angeboten.

Michael Jankowski


Erstsendung in der WDR-Reihe "Menschen hautnah" am 11.12.2000, Filmlänge 44 Min., Autorinnen: Andrea Schramm und Jana Matthes, Produzent: KICK Film GmbH in Zusammenarbeit mit BR und WDR. Redaktion beim BR und WDR. Der im WDR ausgestrahlte 44-minütige Dokumentarfilm "Gnadenlos" ist Teil einer gleichnamigen Langfassung, für die die beiden Autorinnen mit dem DISCOVERY CHANNEL Award 2001 für innovative deutschsprachige Nachwuchsleistungen im Bereich Dokumentarfilm ausgezeichnet wurden.

 
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