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MediensammlungTVWDR - die story

JSO-Experten-Kommentar zu:

Scary – Der Tätowierte

Inhalt: 

Ein ehemalige Computerhändler schloss sich durch eine Ganzkörpertätowierung selbst aus dem US-amerikanischen Geschäftsleben aus. Diese ästhetisch motivierte Entscheidung wird von seiner Frau zunächst mit Sorge begleitet, dennoch moralisch unterstützt. 

Nach der Eröffnung eines Tätowierungsstudios beginnt der sich nun Scary Guy nennende Mann damit, sich eine zweite Existenz als Laienpsychologie und Konfliktmanager aufzubauen. Heute bereist er auf Einladung von Schulen, Militärinstitutionen, Gefängnissen und Wirtschaftsbetrieben die englischsprachige Welt, um erfolgreich zwischen Jugendlichen und Erziehern zu vermitteln, Mobbingfälle zu lösen und Konflikttraining zu lehren. 

Der Film dokumentiert ausführlich Auftritte in einem US-Jugendgefängnis, einer amerikanischen High School in Ramstein und einer Schule in England. Besonders schwererziehbare Jugendliche vertrauen sich ihm an und lernen, sich wieder zu integrieren. 

Beurteilung: 

Eine am amerikanischen Road-Movie geschulte, spielfilmähnliche Kamera führt in das Thema ein wie in einen Horrorfilm: Gitarrenriffs, unheimliche Geräusche und eine trostlose Landschaft lassen wenig Gutes ahnen und der erste Auftritt des Tätowierten gleicht einem Schock. 

Dieser überzeugende Effekt veranschaulicht den ersten Eindruck, den Scary Guy auf seine Mitmenschen macht. Auch der Zuschauer durch diesen Effekt erst einmal seine Vorurteile überdenken, die der sympathische und offen erzählende Mann in den nächsten Augenblicken bei Seite wischt. 

So erfolgreich dieses Stilmittel ist, so sehr nutzt es sich auch im folgenden ab, wenn immer wieder mit der gleichen Musik, übertriebenen Soundeffekten und einer Horror-artigen Ausleuchtung der Interviewszenen gearbeitet wird. Zum Beispiel wird auch das Zufallen einer gewöhnlichen Tür im Jugendgefängnis mit einem elektronischen Nachhall zusätzlich dämonisiert. 

Psychologische Einordnung fehlt

Derartige Soundeffekte sind eine bedauerliche Konvention in vielen Fernsehreportagen, doch die Qualitäten dieses Films entwerten sie nicht: Der Protagonist bleibt sympathisch und seine Arbeit mit den Jugendlichen ist vorzüglich dokumentiert. Man hat nicht das Gefühl, dass die Anwesenheit einer Kamera dabei in irgendeiner Weise hinderlich gewesen wäre. Eine Szene, in der er das Vertrauen eines angeblich besonders gewalttätigen Jugendlichen gewinnt überzeugt besonders. Ein Anstaltsleiter bezeichnet sie gar als Wunder. Wenn von Wundern die Rede ist, wäre natürlich eine wissenschaftliche Meinung gefragt. 

Leider fehlt eine psychologische Einordnung der Arbeit des Scary Guy, dabei wäre es durchaus erwartbar, dass dieses Phänomen auch dort Beachtung findet. So ist bekannt, dass der Hip-Hop-Star Tommy the Clown auf sehr ähnliche Weise das Vertrauen von Gang-Kids in Los Angeles gewinnt. 

Auch das wäre eine interessante Ergänzung gewesen. Wichtig wäre es auch gewesen, etwa die Jugendlichen noch genauer zu porträtieren. Wenn ein Anstaltsleiter einen Insassen als besonders gewaltbereit bezeichnet, dieser jedoch im Film einen unauffälligen Eindruck hinterlässt, wäre eine Nahaufnahme sinnnvoll. 

So bleibt der Film 90 Minuten lang bei der Perspektive des Protagonisten, lediglich Ehefrau, Manager und einzelne Auftraggeber geben ihre durchweg positiven Eindrücke von Scary Guy zu Protokoll. 

Hoher Gebrauchswert

So wünschenswert die Pflege des 90-Minuten-Formats für Dokumentarfilme ist: Hier wäre es möglich gewesen, weit tiefer ins Thema einzutauchen. Diese Kritik schmälert nicht den hohen Gebrauchswert des Films, der besonders in Schulen und der Bildungsarbeit vielfach einsatzfähig ist. 

Man kann sich kaum einen besseren Weg vorstellen, etwa Vorurteile oder Fragen von dress-codes oder Life-Style zu debattieren.

Daniel Kothenschulte


Erstsendung im WDR am 23.4.2007
Autor(in)/ Regisseur (in): Uli Kick

Analyse Sozialdokumentationen

 
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