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JSO-Experten-Kommentar zu:
Die Sibirien-Connection
Die WestLB macht in
Öl
Inhalt:
Seit 1998 arrangiert die Düsseldorfer
Landesbank WestLB
Kredite in Milliardenhöhe, die der technisch
maroden aber höchst profitablen sibirischen
Ölforderung zufließen. Die Krebsrate steigt
kontinuierlich da bis zu 7 Prozent des Ölflusses in die Umwelt
und ins Trinkwasser gelangen. Porträts zweier sterbender
Patientinnen stehen im Kontrast zu den Investitionen westlicher
Geschäftsleute. Das Düsseldorfer Engagement
widerspricht den Standards der Weltbank,
doch eine Umkehr ist nicht in
Sicht.
Im Juli 2002 vergibt die WestLB einen 440 Millionen
Dollar-Kredit an die russische Ölfirma Sibneft. Gleichzeitig
finden in Ecuador Proteste von Umweltorganisationen gegen die
Kreditvergabe der WestLB für die Ölförderung
in Südamerika statt, weil hier enorme Umweltschäden
verursacht wurden. Über die Umweltschäden in Sibirien
wird in der Öffentlichkeit weniger berichtet.
Als öffentliche Bank als gemeinnützig
eingestuft, verweigerte die WestLB nähere Stellungnahmen, das
gilt insbesondere für hochrangige Politiker im Aufsichtsrat,
die nicht bereit waren, für den WDR-Film Stellung zu beziehen,
namentlich: Edgar Moron (Fraktionsvorsitzender im Landtag), Ernst
Schwanhold (damaliger Wirtschaftsminister) und Peer Steinbrück
(seinerzeit Finanzminister).
Beurteilung:
Ein wichtiges Stück investigativen Fernsehjournalismus,
das einen komplexen Wirtschaftsverhalt veranschaulicht, durch breite
Rechercheleistung überzeugt und zugleich einen hohen
atmosphärischen Gehalt besitzt: Eine dem Zuschauer unbekannte
Region wird als zerstörte Landschaft gezeigt, wobei die Fotografie
auf hohem ästhetischen Niveau einen besonders suggestiven Anteil
gewinnt.
Problematisch, aber durchaus funktional sind die drastischen
Operations- und Krankenhausaufnahmen der beiden Krebspatientinnen. Hier
wäre eine distanziertere Haltung ebenso gut möglich gewesen,
das Leid der Kranken hätte auch diskreter behandelt werden
können, ohne die Anteilnahme des Publikums zu schmälern.
Auch in Abwesenheit wichtige Protagonisten
Obwohl die wichtigsten Interviewpartner, die
Aufsichtsräte der WestLB Stellungnahmen verweigern, bleiben sie
auch als Abwesende wichtige Protagonisten. Der Sachverhalt wird derart
plausibel gemacht, dass der Druck auf diese Politiker durch den Film
stark gewachsen sein müsste.
Sinnvoll sind sowohl das gut geschriebene, sachlich vorgetragene
voice-over als auch die behutsam eingesetzte romantische Klaviermusik,
die einen sehr sinnvollen Kontrast zu den dramatischen Bildern der
zerstörten Umwelt herstellt.
Eine dezidiert künstlerische Anmutung gewinnt der Film
gegen Ende durch den Einsatz einer russischen Ballade zu stummen
Bildern der sterbenden Frau. Ein stark emotionalisierendes Element, das
jedoch durch die Seriosität der wirtschaftspolitischen Passagen
getragen wird. Insgesamt ein mustergültiger Film, der gerade die
Länge von 45 Minuten ideal ausfüllt und den Zuschauer bis
zuletzt für das Thema einnimmt.
Der Regisseur und Autor erklärte zur Rezeption seines Films:
Wahltaktik
„Die "Grünen" in NRW wollten auch nach Aufdeckung
des Sachverhalts die Ölkredite der WestLB nicht zum Thema machen.
Nicht publik machen, dass ihr großer Koalitionspartner sie
hintergangen hat, als namhafte SPD-Vertreter in den Kontrollgremien der
Bank Umweltstandards schlichtweg nicht eingefordert haben –
obwohl die anlässlich einer früheren Pipeline-Finanzierung
der WestLB für Ecuador beschlossen wurden. Ein Schelm, der beim
Schweigen der "Grünen" an die damals bevorstehenden Wahlen in
Nordrhein-Westfalen denkt.
Die Medien beweisen einmal mehr, dass sie in toto Themen erst
dann ernst nehmen, wenn jemand einen Anlass liefert. Doch - anders als
2002 beim Pipeline-Kredit für Ecuador, der die Öffentlichkeit
(zu Recht) mehr als ein Jahr lang beschäftigte - prangert keine
grüne Politikerin die noch weit größeren
Missstände in Westsibirien an, gibt es keine Debatten im Parlament
über die fragwürdige Rolle der eigenen Bank - und gibt es
keine Umweltorganisation, die mediengerecht vor Bank und
Landesregierung demonstriert. Und so können russische
Ölkonzerne und eine deutsche Staatsbank ihre Arbeit fortsetzen,
unbehelligt im wahrsten Sinne des Wortes.“ [Quelle]
Erstsendung im
WDR am
7.3.2005
Autor(in)/ Regisseur (in): Detlef Flintz
Analyse Sozialdokumentationen |