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MediensammlungTVWDR - die story

JSO-Experten-Kommentar zu:

Schauen was geht. Jungsein auf türkisch

Türkische Jugendliche in München


Inhalt:

Ausgehend von einem überraschenden Amateur-Darstellerpreis beim Münchner Filmfest folgt der Film über ein Jahr dem Leben zweier junger Türken in München. Obwohl Muammer und Deniz bei der Preisverleihung von einem bayrischen Staatsekretär mit dem Versprechen belohnt werden, man werde ihnen bei der Leerstellensuche helfen, bleiben sie auf sich gestellt. 

Der Staatsekretär ermahnt sie bei zwei Treffen zur Eigeninitiative und verweist ansonsten auf die Arbeitsagentur. Anders als einer ihrer Freunde, der über ein Abitur verfügt, sind bei ihren Bewerbungen glücklos. Obwohl einer von ihnen glaubhaft versichert, mehrere hundert Bewerbungen verschickt zu haben, werden beide als wenig arbeitswillig darstellt. 

Im Pressetext zum Film heißt es:  Deniz erwartet entweder eine Lehrstelle als Bürokaufmann, weil man da seiner Meinung nach nichts tun muss, oder als Fitnesstrainer, weil das zu seinem Privatleben passt. Muammer will eigentlich gar keine Ausbildungsstelle.“ 

Diese Lesart impliziert auch der Kommentar des Films. Daneben wird der Freundeskreis der Beiden porträtiert. Einer der Jugendlichen hat eine Bewährungsstrafe bekommen für einen gemeinsam versuchten Raubüberfall auf eine Apotheke. 

Fürsorglich kümmern sie sich um einen behinderten Freund. Allein einer der Gruppe locker verbundenen Frau, Mehtap, gelingt es, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Nach einem Jahr scheinen die Ambitionen erloschen. Herumjobben und das Bemühen, beim Ausgehen am Wochenende möglichst viele Telefonnummern junger Frauen zu ergattern, bestimmen den perspektivlosen Alltag der jungen Männer.

Beurteilung:

Die Dramaturgie ist ungewohnt: Das Erfolgserlebnis der beiden Jugendlichen, ein Preis beim Münchner Filmfest steht bereits am Anfang der Geschichte. Offenbar haben die Filmemacher hier aus anderem Grund gedreht und sind auf die Geschichte der Jugendlichen und ein Versprechen des Staatssekretär gestoßen. Leider interessieren sie sich wenig für ihre Vorgeschichte – auch für welchen Film sie den Preis gewonnen haben, bleibt dem Zuschauer vorenthalten. 

Üblicherweise würde ein derartiger Porträtfilm von immerhin 45 Minuten auch in die Vergangenheit oder die familiären Hintergründe seiner Figuren eintauchen, hier fehlt dieser Aspekt vollkommen. Begleitet von einem reißerisch formulierten Kommentar versuchen die Filmemacher ihren Beobachtungen eine Lesart einzuschreiben, die mitunter gegenläufig zu den gezeigten Bildern und den Erzählungen der Protagonisten ist.

Familiäre Hintergründe fehlen

Obwohl die Jugendlichen bereits über lange Erfahrungen bei der Ausbildungsplatzsuche zurückblicken können, werden sie als wenig ehrgeizig dargestellt. Wie dem Staatsekretär fehlt es auch den kommentierenden Filmemachern an Verständnis für die Resignation der Jugendlichen, die sich lieber in den Alltag einfügen, als besonderen Ehrgeiz zu entwickeln. Höchst problematisch ist eine Episode über eine angeblich gemeinsam begangene Straftat. 

Obwohl der versuchte Überfall auf eine Apotheke nur eine folgenlose Episode gewesen ist, für die einzig ein offenbar nur locker mit ihnen verbundener Freud eine Bewährungsstrafe erhalten hat, heißt es im Kommentar: „Man will Spaß haben. Und aus Spaß wird ernst. Mal eine Schlägerei, mal eine Straftat.“

Diese Übertreibung (schließlich ist es nur eine Straftat und alle Protagonisten des Films wurden sogar freigesprochen) ist ein typisches Mittel des Boulevardjournalismus, dem dieser Beitrag trotz seiner Einbettung in die WDR-Reihe „Die Story“ zuzuordnen ist.

Bemerkenswert ist, wie im genannten Beispiel aus der intelligent vorgetragenen Schilderung eines der Protagonisten über den Verlust einer sprachlichen Identität der Übergang zum Gewaltthema gefunden wird: Das letzte Wort dieses Beitrags aufnehmend, die Deutschtürken hätten ihre eigene Sprache, heißt es im Kommentar: „Die eigene Sprache. Die eigene Musik. Rumhängen und die Zeit totschlagen. Das ist langweilig. Man will Spaß haben. Und aus Spaß wird ernst...“ 

Hier werden vollkommen disparate Sachzusammenhänge durch eine absurde Überleitung verknüpft und dramatisiert. Hinzu kommt, dass alle der Porträtierten einwandfreies Deutsch sprechen, also überhaupt nicht diejenigen Mitglieder der Community sind, von denen die Rede war.

Gegen Ende des Films wird ein Dokument eines zufälligen Wiedersehens mit dem Protagonisten Muhammer präsentiert. Als er auf die Frage nach seinen momentanen Träumen antwortet, da habe er keine, wird prompt ein deutscher Popsong unterlegt mit der Zeile: „Alle Träume sind zerplatzt“. 

Der Kommentar fasst es in tönende Worte. „Muhammers Träume sind zu Ende geträumt.“ Von seinem Freund Deniz ist nun die Rede: Er habe sich für eine Karriere als „Muskelmann“ mit Hilfe von Anabolika entschieden. Schon wieder wird ein neues Fass aufgemacht, ein Modethema angerissen, auf das nicht mehr weiter verfolgt wird.

Keine Neutralität

Die Haltung der Filmemacher zum Gezeigten kann den Eindruck der Neutralität kaum wahren. In dieser Episode grenzt die Bloßstellung der Türken an Schadenfreude. Wo die Filmemacher den Stoff für ausländerfeindliche Vorurteile finden, tragen sie ihn begierig weiter. Immer wieder sprechen die ungezwungenen Äußerungen der aufgeweckten Jugendlichen eine andere Sprache. Zurecht gerückt in einem System aus oberflächlichen Generalisierungen, behalten sie freilich nicht das letzte Wort. Das gehört dem Kommentar.

Dieser Film ist ein Musterbeispiel für schlechten Journalismus, für den Versuch das Publikum auch im Widerspruch zum gezeigten Material zu belehren. Dabei wird bewusst und in bedenklicherweise mit populistischen Stereotypen gespielt, die in einzelnen Fällen sogar dem Rassismus nahe stehen.

Einen Dokumentationswert besitzt der Film dennoch – oder vielleicht gerade deshalb. Es ist ein Dokument eines Lebensausschnitts der türkisch-deutschen Community im München-Neuperlach – und des einengenden Blicks, den auch ein öffentlich-rechtlicher Sender darauf richten kann.

[Als positives Vergleichsbeispiel einer ähnlich angelegten Langzeitstudie empfohlen: „Was lebst Du“ (Regie: Bettina Braun, Deutschland 2004)]

Daniel Kothenschulte


Erstsendung im WDR am 2.1.2006
Autor(in)/ Regisseur (in): Erika Haas, Richard Unkemeier

Analyse Sozialdokumentationen

 
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