Prävention von Kinder- und
Jugenddelinquenz
in Deutschland
und in den Niederlanden
von Bernd Holthusen und Heiner Schäfer; Deutsches Jugendinstitut, München
Kinder- und Jugenddelinquenz* ist in vielen
westlichen Industrieländern, nicht nur in den Niederlanden
und Deutschland, ein vieldiskutiertes Problem. Steigende
Tatverdächtigenzahlen
für Kinder und Jugendliche in den polizeilichen Kriminalstatistiken
deuten auf einen wachsenden Handlungsbedarf. Unabhängig
von der Frage, ob die Aussagekraft der polizeilichen Arbeitsstatistiken
reicht, um einen starken (oder gar dramatischen) Anstieg
der Kinder- und Jugenddelinquenz nachzuweisen, kann doch
festgehalten
werden, dass in beiden Ländern immer mehr junge Menschen
wegen Straftaten in Kontakt mit Polizei, Justiz und Jugendhilfe
geraten.
Die Entwicklung der Lebenslagen von Kindern
und Jugendlichen verläuft in Deutschland und in den Niederlanden
durchaus ähnlich. Kindheit und Jugendphase sind wesentlich
geprägt durch sozialen Wandel, stellen an Kinder und Jugendliche
im Verlauf ihrer Entwicklung vielfältige Ansprüche
und bereiten ihnen teilweise erhebliche Probleme. Aus einer
Vielzahl von Untersuchungen (Aus der Fülle nur beispielhaft:
Albrecht, G./Howe, C.W./Wolterhoff-Neetix, J. 1988; Albrecht,
P.A./Lanmek, S. 1979; Kreuzer, A. u.a. 1993) wissen wir, dass
Normverstöße und Grenzüberschreitungen schon
immer zur Entwicklung in der Jugendphase dazugehören, dass
Verstöße gegen Strafrechtsnormen ubiquitär,
d.h. allgemein verbreitet sind. Darüber hinaus wissen wir,
dass die Normverletzungen in den meisten Fällen auch ohne
Interventionen nur episodenhaft, d.h. vorübergehend sind.
Und die überwiegende Zahl der Gesetzesübertretungen
von Kindern und Jugendlichen wird sogar nicht einmal bekannt,
bleibt im Dunkeln (Dunkelfeld). Die öffentliche Diskussion
geht dagegen häufig fälschlicherweise davon aus, dass
die bekannten Straftaten (Hellfeld) ein getreues Abbild der
gesamten Kriminalität widerspiegeln, und entsprechend sind
die Hellfeld-Steigerungsraten häufig Ausgangspunkt für
eine (dramatisierende) öffentliche Diskussion. Hell- und Dunkelfeld haben eine weitreichende
Bedeutung für mögliche gesellschaftliche Reaktionen.
Während sich Repressionsstrategien qua Definition nur auf
das Hellfeld beziehen können, werden in der Regel Präventionsstrategien
auch das Dunkelfeld miteinbeziehen. Und so befassen sich Justiz
und Polizei folgerichtig auch fast ausschließlich mit
denjenigen Jugendlichen, die erwischt wurden. Die Jugendhilfe
dagegen rechnet auch diejenigen Kinder und Jugendlichen zu
ihrer
Zielgruppe, die dem Dunkelfeld zugeordnet werden. Sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden
müssen Polizei, Justiz und Jugendhilfe reagieren, wenn
Straftaten von Kindern und Jugendlichen bekannt werden. Allerdings
unterscheiden sich das Jugendstrafrechtssystem sowie die Jugendhilfestrukturen
in beiden Ländern erheblich. Obwohl die Problemkonstellationen
weitgehend gleich sind, sind die Reaktionsformen verschieden. Parallelen zwischen beiden Ländern gibt es
in den öffentlichen Diskussionen um die Bekämpfung
der Kinder- und Jugenddelinquenz: Die Forderungen bewegen sich
zwischen dem Ruf nach einem Ausbau repressiver Strukturen auf
der einen und der Förderung präventiver Strategien
auf der anderen Seite. In den Medien, angeheizt durch einzelne
spektakuläre Fälle, und auch in der politischen Debatte
wurden Forderungen nach einer Verschärfung des Jugendstrafrechts
immer wieder artikuliert. In den Niederlanden wurden solche
Forderungen schließlich auch realisiert. 1995 wurde das
Jugendstrafrecht nach ausführlichen Diskussionen verschärft,
auch wenn der Strafrahmen im Vergleich zu Deutschland nach wie
vor deutlich geringer ist. In beiden Ländern wurde auch
eine Absenkung des Strafmündigkeitsalters diskutiert, das
in den Niederlanden bei zwölf und in Deutschland bei vierzehn
Jahren liegt, aber unangetastet blieb. Eine eher deutsche Diskussion
ist die Debatte um die "Geschlossene Unterbringung".
Diese eher als pädagogisch letzte Konsequenz und nur sehr
begrenzt eingesetzte Unterbringungsform wurde in der öffentlichen
Diskussion in den Status einer Strafeinrichtung umgewandelt,
was in der Fachöffentlichkeit jedoch auf lautstarken Widerstand
stieß. (Einen guten Überblick über die fachliche
Diskussion bietet: Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention
/ Bundesjugendkuratorium (Hrsg.) 1999).
In beiden Ländern sind Fachöffentlichkeit,
Wissenschaft und Praxis entgegen dem repressiven Mainstream
hinsichtlich der Wirksamkeit von Strafverschärfungen
skeptisch. Nahezu alle Fachleute sind sich einig, dass eine
Verschärfung
der Gesetze der Delinquenz von Kindern und Jugendlichen kaum
angemessen ist. Ein Dilemma aber bleibt: Die öffentliche
Meinung ist in ihrer Einschätzung, zumeist verbunden
mit der spektakulären Präsentation singulärer Ereignisse, relativ beharrlich und erwartet,
dass härtere Strafen das Problem Kinder- und Jugenddelinquenz
schon lösen werden. Auf fachlicher Ebene werden dagegen vielmehr
Konzepte und Strategien der Prävention als angemessene Reaktionen
diskutiert. Allerdings gibt es auch hier ein Problem, das sich
durchgehend stellt. Während die freiheitsentziehenden strafrechtlichen
Sanktionen klar umrissen und beschrieben sind, ist das, was
sich hinter Prävention verbirgt, keinesfalls allgemein
verbindlich und klar definiert. Im Gegenteil, häufig bleibt
es unklar und verschwommen. Dies zeigt einerseits, dass es in
diesem Feld noch große Entwicklungspotentiale gibt,
andererseits wird aber auch deutlich, wie wichtig Austausch,
Diskussionen
und Reflexionen sind. Prävention - was ist das? Kriminalprävention
(als Verbrechensverhütung und Abbau von Kriminalitätsfurcht)
wird in der fachlichen Diskussion meist grob in drei Bereiche
unterteilt: Primäre Prävention zielt auf die Veränderung
gesellschaftlicher Bedingungen und soll der Straffälligkeit
generell vorbeugen, kann ihre Zielgruppe also nur ganz allgemein
und relativ unpräzise fassen. Sekundäre Kriminalprävention richtet
sich deutlich zielgerichteter an auffällige und / oder
sozial gefährdete Kinder und Jugendliche und bietet ihnen
präziser beschreibbare Hilfen an. Tertiäre Kriminalprävention will den
Rückfall vermeiden und richtet sich deshalb an die bereits
straffällig gewordenen Jugendlichen. Diese Unterteilung ist nicht unumstritten,
denn beispielsweise ist die Abgrenzung zwischen sozialintegrativen
und primär-kriminalpräventiven Ansätzen nur schwer
zu ziehen. Auch kann diskutiert werden, ob die Ansätze
der tertitären Kriminalprävention als Reaktion auf
Straffälligkeit nicht treffender mit dem Begriff "Intervention"
beschrieben werden müßten, denn häufig ist die
Rückfallvermeidung nur eines von mehreren Zielen.
Unabhängig von den langjährigen Diskussionen
um die richtigen Definitionen und weitgehend unbeachtet von
der Öffentlichkeit haben sich in unterschiedlichen Handlungsfeldern
vielfältige präventive Arbeitsansätze entwikkelt.
Und sie sollten im Mittelpunkt dieser Konferenz stehen.
Vor
allem innovative und modelihafte Projekte sollten sich vorstellen
und ihre Arbeitsansätze mit anderen Fachleuten diskutieren
können. Insbesondere die Reichweite und Wirksamkeit
präventiver
Projekte und Arbeitsansätze sollten dabei deutlicher
werden, ein Unterfangen, das in den beiden Veranstalterländern
auf unterschiedliche Traditionen aufbauen kann. Denn Evaluationen
und wissenschaftliche Begleitforschungen sind in der Kriminalprävention
in den Niederlanden eindeutig verbreiteter als in Deutschland.
Die stärkere Ausrichtung der niederländischen Praxis
an der anglo-amerikanischen Forschung und Praxis hat sich
hier
niedergeschlagen. Selbst wenn Evaluationen in diesem Feld
schwierig sind (Prävention - wie kann das Nichteintreten
eines Ereignisses gemessen werden?) und deshalb eine Reihe
von
Problemen und Fragen damit verbunden sind, so kann und muß dennoch nach Kriterien
für erfolgreiche präventive Arbeit gesucht werden.
Zumindest Prozeßevaluationen sind hierbei vorstellbar
und können für die Jugendhilfe zur Weiterentwicklung
und Weiterqualifizierung des Praxisfeldes wertvoll sein. Trotz
dieser in den letzten Jahren gewachsenen Erkenntnis zeigt sich
in der deutschen Praxis nach wie vor ein Mangel an Austausch
über Erfahrungen und Konzepte. Institutionalisierte und
strukturierte Formen fachlichen Austausches und kollegialer
Beratung sind nur selten vorhanden. Der Diskussionsbedarf ist groß. Noch gibt
es mehr offene Fragen als Antworten. So besteht z.B. zwar ein
breiter Konsens über die Notwendigkeit möglichst frühzeitiger
präventiver Arbeit, aber wo und wann angesetzt werden soll,
bleibt offen. Oder: Was sind relevante Risikofaktoren und welche
Aussagekraft besitzen sie? Wie können welche Daten gewonnen
werden und welche Risiken verbinden sich damit? Welche neuen
Formen sozialer Kontrolle entstehen durch Präventionsbemühungen,
und welche Gefahren sind damit verbunden? Die Spannbreite des Handlungsfeldes Prävention
spiegelt sich auch in den vier Arbeitsgruppen, die das Kernstück
der Konferenz bildeten:
- Auf der systemischen Ebene wurden Ansätze diskutiert,
die auf die sozialen und familialen Rahmenbedingungen zielen.
Stadtteilbezogene Projekte ebenso wie Projekte, die mit
Zielgruppen mit besonderen Lebensumständen (z.B. Migrantenjugendliche)
arbeiten, wurden vorgestellt. Wie kann die Übertragbarkeit
innovativer Ansätze mit in der Regel starkem lokalen
Bezug auf andere Orte möglich sein? Wie können
Problemkonstellationen frühzeitig erkannt, wie kann
möglichst frühzeitig erfolgreich interveniert
werden?
- Auf der Ebene gesellschaftlicher Reaktionen auf Straftaten
von Kindern und Jugendlichen wurden Möglichkeiten,
wie Rückfall zu verhindern sei, gesucht. Im Schnittfeld
von Polizei, Justiz und Jugendhilfe mit ihren unterschiedlichen
Strukturen hatte die Frage der Kooperation einen besonderen
Stellenwert. Welche Möglichkeiten der Diversion gibt
es vor dem Hintergrund des Opportunitätsprinzips in
den Niederlanden und des Legalitätsprinzips in Deutschland?
Welche Formen der Schadenswiedergutmachung und der Einbeziehung
der Opferperspektive haben sich bewährt? Wie können
vor dem Hintergrund der Ubiquität die relevanten Zielgruppen
für (eingriffsintensive) ambulante Maßnahmen
/ Alternativstrafen identifiziert werden? Inwieweit ersetzen
diese Sanktionen tatsächlich freiheitsentziehende Maßnahmen?
- Auf der strukturellen Ebene wurde diskutiert, wie Jugendhilfeplanung
zur Prävention von Kinder- und Jugenddelinquenz beitragen
kann. Relevante Fragestellungen waren hier z.B.: Welche
Daten werden für die Planung benötigt? Welche
Informationen über Kinder, Jugendliche und Eltern sind
relevant? Welche Kooperationen sind für die lnformationsbeschaffung
notwendig? Welche Kooperationsstrukturen sind sinnvoll?
Welche Stigmatisierungseffekte können entstehen? Besteht
das Risiko der Ausweitung sozialer Kontrolle und des Mißbrauchs
der Daten?
- Auf der personenbezogenen Ebene wurde an die Diskussionen
um den Empowerment-Ansatz angeknüpft. Dessen Strategien
setzen nicht an den Defiziten an, sondern orientieren positiv
auf vorhandene Ressourcen. Empowerment kann als das Gegenteil
von Repression verstanden werden, obwohl sich in der Praxis
mehr als in der Theorie auch Fragen nach Grenzsetzungen,
nach Regeln und nach der Balance von Freiwilligkeit und
Zwang stellen. Die Umsetzung von Empowermentstrategien in
verschiedenen Feldern steht erst am Anfang. Informationen
über und Diskussionen von Formen der Umsetzung von
Empowermentstrategien in Präventionsprojekten standen
deshalb im Mittelpunkt der Arbeitsgruppe.
Aus der Haupt-Zielsetzung der Konferenz, der
Förderung
des Austausches über praktische Präventionsstrategien
in Deutschland und den Niederlanden ergaben sich auch Konsequenzen
für die Zusammensetzung der TeilnehmerInnen und Teilnehmer.
Sie kamen deshalb nicht in erster Linie aus der akademischen
Forschung, sondern eher aus der reflektierteren Praxis und der
praxisbezogenen Forschung; für eine internationale Konferenz
eine eher ungewöhnliche Zusammensetzung. Der Austausch über Praxiserfahrungen sollte
die Möglichkeit bieten, voneinander zu lernen, Netzwerke
zu knüpfen - nicht nur bilateral, sondern auch innerhalb
des eigenen Landes - z.B. zwischen den Projekten, aber auch
zwischen Projekten und Praxisberatung und -forschung, oder zwischen
den verschiedenen beteiligten Institutionen. Konsens unter allen
Beteiligten war schließlich, dass erfolgreiches Handeln
in der Kriminalprävention ohne handlungsfeldübergreifende
Kooperationen nicht langer möglich ist. Der Austausch sollte Anregungen und Ideen
für
neue Projekte liefern und zur Weiterentwicklung der Jugendhilfe
beitragen, gleichzeitig aber auch die Jugendhilfe-Position gegenüber
den anderen beteiligten Institutionen wie Polizei und Justiz
stärken. Denn der gesellschaftliche Problemdruck in Bezug
auf Kinder- und Jugenddelinquenz ist nach wie vor hoch, wobei
präventive Ansätze wesentlich erfolgversprechender
sind als repressive und Jugendhilfe hier eine wichtige Funktion
hat. Die Möglichkeiten präventiven Handelns sind zur
Zeit erst in kleinen Teilen sichtbar und ihre Chancen sind bei
weitem noch nicht ausgeschöpft. Deshalb ist der Austausch
über Praxis-Erfahrungen und Evaluationen zur Verbesserung
der Praxis und zur Weiterentwicklung des Handlungsfeldes grundlegend
und unverzichtbar. Einen Beitrag zum Abbau dieses Defizits
zu
leisten, war eine wichtige Zielsetzung dieser Konferenz.
* Wir vermeiden es bewußt, wie üblich
den Begriff "Kinder-und Jugendkriminalität" zu
verwenden, da es im engeren Sinne nicht richtig ist, von Kinderkriminalität
zu sprechen. In Deutschland sind unter l4jährige, in den
Niederlanden unter l2jahrige strafunmündig. Sie können
strafrechtlich nicht verfolgt werden, werden gerichtlich weder
verurteilt noch freigesprochen. Sie können somit qua Definition
nicht kriminell werden. Immer dann jedoch, wenn es sich im
folgenden ausschließlich um Strafmündige handelt,
haben wir in der Regel den Begriff "Jugendkriminalität" gewählt. |