2. Grundannahmen zur Wirtschaftskriminalität
Nimmt man als historischen Ausgangspunkt der theoretischen Forschung
zur Wirtschaftskriminalität die klassische Definition von E. H. Sutherland,
mit der
"white-collar-criminality" als "crime committed by a person
of respectability and high social status in the course of his
occupation" [1]
verstanden wurde, dann lassen sich die bedeutsamen Entwicklungslinien
der Wirtschaftskriminalitätsforschung, die sich in den letzten 50 Jahren
ausbilden, erkennen.
Das Konzept des "Weiße-Kragen-Verbrechers" war auf
den individualisierenden Ansatz sozialen Lernens und der differentiellen
Assoziation zugeschnitten.
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Das Paradox, daß für den Bereich der traditionellen bzw. Strassenkriminalität gesicherte
Erkenntnisse für den Bereich der Wirtschaftskriminalität nicht nur nicht
zutreffen, sondern daß geradezu das Gegenteil angenommen werden kann [2], hat mittlerweile
zu einer bedeutsamen Belebung kriminologischer Forschung in theoretischer
und methodischer Hinsicht geführt. mehr ›› Zugang
zu verläßlichen Daten problematisch Wendet man sich nun dem Thema Wirtschaftskriminalität und wirtschaftskriminologische
Forschungen aus einer europäischen Perspektive zu, dann lassen
sich Konvergenz und Übereinstimmung in den Fragestellungen feststellen. Dies gilt zunächst für die Festlegung der Ausgangspunkte, die offensichtlich
in den Annahmen bestehen [3],
daß
- das Wirtschaftsleben durch zahlreiche Normbrüche geprägt
ist [4],
- das Wirtschaftsunternehmen eine im Verhältnis zum Nationalstaat
immer stärker werdende Position im Prozess der Globalisierung erhalten
hat,
- deshalb Steuerung durch nationales Recht offensichtlich schwieriger
wird und damit die Verfolgung und Ahndung von Straftaten in
Unternehmen und durch Unternehmen chronisch defizitär ausfallen,
- andererseits durch Wirtschaftskriminalität enorme materielle
und immaterielle Schäden entstehen [5];
- die empirische Untersuchung der Wirtschaftskriminalität mit
enormen Problemen des Zugangs zu verläßlichen Daten konfrontiert ist [6],
- nicht nur empirisch belangvolle, sondern auch theoretisch bedeutsame
Verbindungen zwischen organisierter Kriminalität und Wirtschaftskriminalität
bestehen [7], die vor allem auch im Hinblick
auf den Verletzlichkeitsgrad bestimmter Wirtschaftszweige und damit
auch auf präventive Dimensionen untersucht werden sollten [8],
- organisierte Wirtschaftskriminalität die "Kriminalität der
Zukunft" darstellt [9] und
ein ungleich größeres Risikopotential für moderne Gesellschaften
enthält als die herkömmliche Kriminalität [10].
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[1] Sutherland,
E.H.: White-Collar-Crime, New York 1949, S. 9. [2] Kellens,
G.: Economic Crime: Some Priorities for Research. In: Magnusson, D. (Hrsg.):
Economic Crime - Programs for Future Research. Stockholm 1985, S. 13-31,
S. 13. [3] Vgl.
Punch, M.: Dilemmas in Researching Corporate Deviance. In: Fijnaut, C.
et al. (Hrsg.): Changes in Society, Crime and Criminal Justice in Europe:
A Challenge for Criminological Education and Research. Vol. II, International
organised and corporate crime. Antwerpen 1995, S. 123-135. [4] Müller,
R. u.a.: Wirtschaftskriminalität. Eine Darstellung der typischen Erscheinungsformen
mit praktischen Hinweisen zur Bekämpfung. 4. Aufl., München 1997, S.
1f. [5] Müller,
H.: Soziologische Entstehungsbedingungen und soziale Kontrolle abweichenden
Verhaltens in der Wirtschaftsgesellscahft. Pfaffenweiler 1993, S. 115ff. [6] Levi,
M.: a.a.O., 1985, S. 32ff. [7] Müller,
R., ua.a.: Wirtschaftskriminalität. Eine Darstellung der typischen Erscheinungsformen
mit praktischen Hinweisen zur Bekämpfung. 4. Aufl., München 1997, S.
1ff; Landesgruppe Österreich der Internationalen Strafrechtsgesellschaft
(AIDP): Organisierte Kriminalität und Wirtschaftsrecht. Wien 1998. [8] Vgl.
hierzu Black, C., Beken, T.V., Frans, B., Paternotte, M.: Reporting on
Organised Crime. A Shift from Description to Explanation in the Belgian
Annual Report on Organised Crime. Antwerpen 2001, S. 86f. [9] v.
Trotha, T.: Recht und Kriminalität. Tübingen 1982. [10] Müller,
R. u.a.: a.a.O. 1997, S. 1; Ziegler, J.: Die Barbaren kommen. Kapitalismus
und organisiertes Verbrechen. München 1997.
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