4.2 Wirtschaftskriminologische Befunde
zu Einzeldelikten
Angesichts der auch als Folge gesetzgeberischer Aktivitäten zunehmenden
Vielfalt in den deliktischen Erscheinungsformen der Wirtschaftskriminalität
erscheint der Versuch von umfassenden (empirischen) Bestandsaufnahmen
nicht sonderlich sinnvoll.
Bilanzierende Unternehmen lassen letztlich nicht mehr erkennen, als
was schon vorher bekannt war, nämlich daß es Fälle des
- Subventionsbetrugs,
- der Korruption,
- der systematischen Steuerhinterziehung,
- des betrügerischen Bankrotts etc gibt,
die allesamt im übrigen mit Hilfe von Computern, modernen Kommunikationsmitteln
sowie in Unternehmensform begangen werden.
Vielmehr gilt es anhand exemplarischer Fälle die typischen und ggfs.
auch theoretisch belangvollen Kennzeichen der Wirtschaftskriminalität
aufzubereiten.
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Im Mittelpunkt der Wirtschaftskriminalität stehen freilich betrügerische
Handlungen im weitesten Sinn. Hierzu zählen die seit den achtziger Jahren
besonders beachteten Betrugsfälle zu Lasten des Europäischen Union [1]. mehr ›› Vertrag von Maastricht verpflichtet
die Mitgliedsstaaten bei der Bekämpfung
von Betrügereien Als betrügerische Praktiken und Unregelmäßigkeiten im Rahmen der europäischen
Gemeinschaft sind
- neben Straftaten im Zusammenhang mit der Erstattung der Mehrwertsteuer,
- dem Import von Waren oder dem Mißbrauch des Zollverfahrens
- insbesondere der Mißbrauch im Bereich der Ausfuhrerstattungen durch
Techniken wie z. B. ungenaue Angaben über Bezeichnung, Menge,
Gewicht, Verfälschung von Waren
- sowie Scheinexporte
von Bedeutung [2]. Der Vertrag von Maastricht verpflichtet die Mitgliedsstaaten bei der
Bekämpfung von Betrügereien, die sich gegen die finanziellen Interessen
der Gemeinschaft richten, die gleichen Maßnahmen zu ergreifen, die sie
auch zur Bekämpfung von Betrügereien ergreifen, die sich gegen die
eigenen Interessen richten [3].
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Gerade bei organisiertem Anlagebetrug und Subventionsbetrug ergibt
sich offensichtlich ein sehr breites Feld von deliktischen Aktivitäten. Die aus Untersuchungen bislang bekannte Struktur von kriminellen Organisationen
verweist auf relativ kleine Unternehmen (mit drei bis fünf Mitarbeitern
im Durchschnitt). Freilich kann es im Einzelfall auch sehr große Unternehmen
geben, die Hunderte von Mitarbeitern beschäftigen.
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Ansatzpunkte sind nunmehr mit der Etablierung von OLAF vorhanden. Ziel der Neuordnung der Betrugsbekämpfung im Rahmen der Europäischen Union war
es, ein weisungsungebundenes Amt zu schaffen, das in ein politisches
Gesamtprojekt zum Schutz der finanziellen Interessen der EU vor Betrug
und Korruption eingebunden wird, und das zur Bewältigung der Bekämpfung
der Organisierten Kriminalität unter dem Blickwinkel der Globalisierung
und der Erweiterung der Union beitragen soll [4]. Struktur von kriminellen Organisationen
verweist auf relativ kleine Unternehmen
Die Unabhängigkeit dieses formal immer noch der Kommission unterstehenden
Amtes soll durch eine Klagemöglichkeit seines Generaldirektors vor dem Europäischen
Gerichtshof gegen eventuelle Maßnahmen der Kommission und eines Überwachungsausschusses
gewährleistet werden.
mehr ›› Auch der Europäische
Rechnungshof mahnt in seinem Jahresbericht 1999 eine Verbesserung
der Zusammenarbeit zwischen OLAF und den Mitgliedsstaaten bei der Ermittlung
und Verfolgung von Betrug und Bestechung zu Lasten des EU-Haushalts
an.
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In der Forschung zur Wirtschaftskriminalität hat sich die Aufmerksamkeit
in den neunziger Jahren verstärkt der Korruption zugewandt [5]. Dies gilt vor allem für die internationale Wirtschaftskorruption, mutmaßlich
auch deshalb, weil hier die Befürchtung der Verletzung nationaler Wirtschaftsinteressen
durch Wettbewerbsverzerrungen als Folge unterschiedlicher strafrechtlicher
Behandlung der Auslandskorruption wirksam wird [6]. Dem entspricht die verstärkte Beachtung der Korruption durch OECD, Europarat
(GRECO) Europäische Union und UNO [7].
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In der Grafik werden Längsschnittdaten zu den von Transparency
International regelmässig - auf der Basis von Befragungen - aufbereiteten
Korruptionsindizes für verschiedene europäische Länder vorgestellt. Bemerkenswert
ist die weitgehende Stabilität der Indikatoren, die durchaus dafür sprechen
könnte, dass Strukturen der Korruption ebenso beständig und dauerhaft
angelegt sind wie kulturell geprägte Verflechtungen zwischen Politik
und Wirtschaft [8]. In
Verbindung mit der Korruption stehen Überlegungen zu einem "zweiten
Markt", einem Schwarzmarkt finanzieller Transaktionen,
in dem vor allem die Geldwäsche nunmehr eine beachtliche Rolle spielt.
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Ferner werden in jüngerer Zeit Fragestellungen der Implementation
der Geldwäschepolitik und -gesetzgebung empirisch untersucht.
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Das Konzept der Wirtschaftskriminalität ist mit dem Markt und Unternehmensorganisationen
verbunden. Freilich ist hier in Rechnung zu stellen, daß sich seit den siebziger
Jahren ein ökonomisch sehr bedeutsamer zweiter Markt bzw. eine Parallelökonomie entwickelt
hat. Schwarzmärkte und Schattenwirtschaften haben sich vor allem seit
Ende der achtziger Jahre beträchtlich ausgeweitet.
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[1] Müller,
R., u.a.: a.a.O., 1997, S. 18ff. [2] Vgl.
Kaiser, G.: a.a.O. 1996, S. 869 m. w. N.. [3] Tulkens,
F.: Les Fraudes Communautaires: Un Observatoire Pénal Européen. Déviance
et Société 18(1994), S. 215-226. [4] Tätigkeitsbericht
OLAF-Überwachungsausschuss Juli 1999-Juli 2000 vom 25.08.2000, S. 28;
Gleß, Sabine: Das Europäische Amt für Betrugsbekämpfung, in: EuZW 1999,
618, 620 [5] Vgl.
freilich schon Bundesministerium der Justiz: Wirtschaftskriminalität
und Korruption. Wien 1983; Ruimschotel, D.: Corruptie en fraude in Nederland.
Arnhem 1993; Robert, Ph.: La Justice Française et les Affaires de Corruption.
Déviance et Société 20(1996), S. 239-246.. [6] Pieth,
M., Eigen, P. (Hrsg.): Korruption im internationalen Geschäftsverkehr.
Bestandsaufnahme, Bekämpfung, Prävention. Neuwied 1999. [7] Pieth,
M.: Internationale Vorstöße - Einleitung. In: Pieth, M., Eigen, P. (Hrsg.):
Korruption im internationalen Geschäftsverkehr. Bestandsaufnahme, Bekämpfung,
Prävention. Neuwied 1999, S. 207-211. [8] Ades,
A., Di Tella, R.: The Causes and Consequences of Corruption: A Review
of Recent Empirical Contributions", Liberalization and the New Corruption,
ed. by B.Harris-White and G. White, (Brighton: Institute of Development
Studies Bulletin, XXVII, 1996, S. 6-12; Della Porta, D., Mény, Y. (Hrsg.):
Democracy and Corruption in Europe. Pinter: London, Washington 1997;
: Heidenheimer, A.J., Johnston, M., LeVine, V. (Hrsg.): Political Corruption.
A Handbook. Transaction Publishers: New Brunswick, London 1989; Queloz,
N., Borghi, M., Cesoni, M.L.: Processus de Corruption en Suisse. Helbing & Lichtenhahn:
Bale, Geneve, Munich 2000.
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