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1. Ein Rückblick:
Viel Furcht - wenig Verbrechen?
Zunächst einige Zitate, die ein kräftiges Licht - ein Schlaglicht - auf
ein kriminologisches Phänomen werfen sollen, das seit Ende der 80er
Jahre wie kein zweites die Medien zu Schlagzeilen reizte und die Menschen
zwischen
Bodensee und Sylt umtrieb: die Mafia ante portas.
Zitate ›› Und heute? Mit Blick auf solche und ähnliche Meldungen - und mit viel
Ironie - kann man sich heute geradezu beglückwünschen. Denn:
- Die belgische Pädophilen-Mafia hat unsere Kinder noch nicht geholt;
- die italienische Mafia erpresst noch keinen Pizzo vom Tante Emma
Laden nebenan;
- die Rumänen-Mafia ist nach dem letzten Panzerschrank noch nicht über
die Sparschweine hergefallen;
- die vietnamesische Zigaretten-Mafia treibt noch nicht für den Finanzminister
die Tabaksteuer ein;
- die Türken-Mafia wirbt noch nicht für ihre Drogen mit Fernsehspots;
- die Albaner-Mafia erhält noch keine Green Cards für ihre heiß begehrten
osteuropäischen und asiatischen Spezialistinnen;
- die Russen-Mafia klaut zwecks Rationalisierung die Autos noch nicht
direkt ab Werksgelände in Sindelfingen, Zuffenhausen, Ingolstadt und
München;
- die kolumbianische Kokainmafia erstattet noch nicht schrillen Politikern
und ausgeflippten Fußballtrainern die Kosten für den Drogenhaartest.
Doch genug der Ironie, hat doch das Thema organisierte Kriminalität
und speziell Russen-Mafia zu viele, wirklich ernste Seiten, um es statt
der wissenschaftlichen Analyse nur der Interessen geleiteten Sensationsmacherei
oder dem ignoranten Beschönigertum zu überlassen. Ungenügende wissenschaftliche Auseinandersetzung Und der Blick auf die Wissenschaft bringt auch Überraschungen mit
sich. Denn anders als man vermuten könnte, befasste sich - meines Wissens - seit
Ende der siebziger Jahre keine substanzielle wissenschaftliche Arbeit,
die über Verbrechensfurcht respektive Sicherheitsgefühl durchgeführt
worden war, speziell mit dem Thema organisierte Kriminalität. Stattdessen konzentrierte man sich praktisch ausschließlich auf Fragestellungen
nach dem allgemeinen Sicherheits- und Bedrohtheitsgefühl, etwa in der
eigenen Wohngegend und nach den von den Menschen eingeschätzten Risiken
der Kriminalität (vgl. die Einschätzungen von Hale, 1996, S. 85 und von
Fattah & Sacco, 1989, S. 211).[1] Dieser Befund einer ungenügenden wissenschaftlichen Auseinandersetzung
wirft Fragen auf, zumal weil die Brisanz dieser Art von Kriminalität
in der allgemeinen Öffentlichkeit wohl unbestritten ist. Meine Kernthese: Das Thema organisierte Kriminalität hatte zumindest
in der Vergangenheit für die Arbeiten über Verbrechensfurcht keine
große Relevanz, weil man in Deutschland - wie überhaupt in praktisch
allen europäischen Ländern mit Ausnahme von Italien - keine genuinen
Mafia-Erfahrungen hat.
mehr ›› Nun wird aber in Deutschland nur ein extrem geringer Anteil sowohl
der Gewaltdelikte als auch der Eigentumsdelikte von Tätern aus der organisierten
Kriminalität begangen oder kann ihnen zumindest zugeschrieben werden
(Bundeskriminalamt [BKA], jährlich). Zu wenig Verbrechen, möchte man
fragen, für Verbrechensfurcht? Hinzu kommt: diese Kriminalitätsart umfasst auch eine ganze Reihe
anderer Profit versprechender Aktivitäten (unter anderem: Drogenhandel,
Glücksspiel, Schmuggel), die zumindest prima facie kein direktes
Opfer kennen. "Verbrechensbesorgnis: Ja -
Verbrechensfurcht:
Nein" Das alles hat nun zur Konsequenz, dass unter diesem Blickwinkel
die meisten Formen der organisierten Kriminalität, sowie diejenigen,
der Wirtschaftskriminalität gerade in Ländern ohne genuine Mafia-Erfahrungen,
praktisch aus den Definitions- und Arbeitsbereich von Verbrechens-
und Kriminalitätsfurcht fallen könnten. Um den ehemaligen Direktor des Freiburger
Max-Planck-Institutes für ausländisches und internationales Strafrecht zu
zitieren: diese Kriminalitätsformen "können zwar von der Bevölkerung
als soziales Problem erkannt werden und so zu einer ,Besorgnis' führen,
jedoch nicht die für den Begriff der ,Furcht' notwendige Intensität
der emotionalen Reaktion hervorrufen" (Kaiser, 1996, S. 299).[2] Um es auf den Punkt zu bringen: Beim Thema organisierte Kriminalität
würde demnach in Deutschland gelten: Verbrechensbesorgnis: Ja -Verbrechensfurcht:
Nein. Ob allerdings die Menschen diese objektiv durchaus begründete Argumentation
mit besonderer Beruhigung zur Kenntnis nehmen würden, steht - zumal mit
Blick auf die eingangs zitierten Medienschlagzeilen - auf einem anderen
Blatt. Damit kommen wir zu einem zentralen Punkt.
[1] Erhebungen zum Sicherheitsgefühl
und zur Kriminalitätsangst gab es in den USA seit Ennis (1967), dessen
Arbeit im Auftrag der President's Commission on Law Enforcement and Administration
of Justice durchgeführt wurde und später auch in Deutschland, zunächst
meist im Rahmen von Viktimisierungsstudien (bspw. Schwind et al. 1975,
1978, 1989, 2001; Stephan, 1976), später dann auch als eigenständige,
teils soziologisch vertiefte Untersuchungen (vgl. etwa Arnold 1991; Boers
1991, 1993; Bilsky et al. 1993a, 1993b; Dörmann 1991, 1996; Dörmann & Remmers,
2000; Murck, 1978, 1993; Kerner, 1980; Reuband, 1995) sowie besonders
zum Ost-West-Vergleich die Erhebungen am Freiburger Max-Planck-Institut
für ausländisches und internationales Strafrecht (Kury, 1992; Kury & Obergfell-Fuchs,
1998; Kräupl & Ludwig, 2000). [2] Laut
Hale (1996, S. 84) reflektiert die Kriminalitätsfurchtforschung den üblichen
Fokus der allgemeinen Kriminologie auf Straßenkriminalität und die Unterschätzung
anderer "mächtigerer" Verbrechensformen.
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