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Wirtschaftskriminalität › SpezialthemenPaoli

2.  Ein Begriff macht Karriere: Organisierte Kriminalität

Es mag auf den ersten Blick überraschen, aber der Begriff organisierte Kriminalität hat eine ebenso kurze wie erfolgreiche Vergangenheit. Beispielsweise hielt man bis Mitte der 80er Jahre in großen Teilen der Fachliteratur und mit Ausnahme einiger Strafverfolger, dieses Phänomen für ein Problem, das nur eine begrenzte Zahl von Ländern betrifft: die USA, Europa südlich des Brenners und noch einige wenige Länder der restlichen Welt.

Diese Situation änderte sich ziemlich gründlich in den 80er Jahren. Auch in Ländern, die sich bislang nur marginal oder gar nicht von diesem Problem betroffen fühlten, diskutierte man nun leidenschaftlich über dieses Thema. Nicht nur in Deutschland wurde der Ausdruck "organisierte Kriminalität" zum Schlagwort für diffuse Bedrohungsszenarien. Warum?

Die Antwort auf diese Frage ist keineswegs einfach, weil gleichzeitig im Hintergrund sehr komplexe gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Vorgänge abliefen und zum Teil noch ablaufen.

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Neben den Medien[1] gibt es vor allem zwei zusätzliche Akteure, Howard Becker nennt sie Moralunternehmer (1963), die in diesen Jahren das organisierte Verbrechen als soziales Problem zum Teil konstruierten.

Einmal: nationale Polizeibehörden, die sich mehr finanzielle Mittel und umfangreichere Kompetenzen erhofften. Und daneben einige westeuropäische Regierungen, die zum Teil von den amerikanischen Behörden ganz erheblich unter Handlungsdruck gesetzt wurden. So im Fall der Geldwäschebekämpfung.

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Eine Schlüsselrolle spielte in diesem Bedrohungsszenarium die italienische Mafia, praktisch die damals bedeutendste Form organisierter Kriminalität in Europa. Sie hatte schon durch die Druck- und Filmmedien seit den 60er Jahren weit über Italien hinaus eine gewisse Berühmtheit erlangt (Smith, 1975, 1976).

Polizeibehörden, Politiker und Medien
beeinflussten sich längst gegenseitig

Zudem lieferte sie sich in den 80er Jahren in Süditalien regelrechte Mafia-Kriege mit mehreren Tausend toten oder verschwundenen Personen (Paoli, 2000a, 2003). Grund genug, dass sich auch deutsche Medien des Themas organisierte Kriminalität annahmen. Allerdings überrascht, dass nun auch durchaus als ausgesprochen "liberal" geltende Presseorgane regelrecht Stimmung machten gegen das organisierte Verbrechen.

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In diesem Stadium beeinflussten sich Polizeibehörden, Politiker und Medien längst gegenseitig. Die Debatte um die organisierte Kriminalität hatte eine vorher ungeahnte Eigendynamik erreicht.

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Manche nationale und insbesondere die internationalen Bemühungen in der Bekämpfung der organisierten Kriminalität profitierten davon ganz erheblich. Innerhalb weniger Jahre wurde nun eine Vielzahl von Initiativen sowohl in den meisten europäischen Ländern als auch auf internationaler Ebene lanciert.

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Rückblickend auf die in den 80er Jahren entwickelten Bedrohungsszenarien, stellt sich heute die Frage, ob - im Gegensatz zu anderen Kriminalitätsformen - das Thema organisierte Kriminalität als soziales Problem in vielen Staaten Europas nicht zu einem ganz erheblichen Maß konstruiert worden war.

Daran ändert auch die bleibende Bedeutung und Gefährlichkeit der Mafia in Italien nichts Grundsätzliches. Denn: damals wie heute scheinen die Chancen eines normalen Bürgers - in Köln wie in Freiburg, in Paris wie in London - verschwindend gering zu sein, mit einem organisierten Kriminellen je zu tun zu haben und noch geringer, von diesem direkt bedroht zu werden (Paoli, 1999b). Und da hilft auch nicht der oft gehörte Einwand auf den als Pizza-Bäcker verdeckt agierenden Mafioso.


[1] Die Massenmedien gelten - im positiven wie im negativen Sinn - seit mindestens den 60er Jahren als einer der wichtigsten Konstrukteure von sozialen Problemen (Boers, 1991, S. 139-176; Cohen & Young, 1973; Cremer-Schäfer & Stehr, 1990a; 1990b; Schneider, 1980, 1991).

 
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