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4.  Die Russen-Mafia:
Vom Angstbild zum Zerrbild zum Feindbild

Es wurde schon darauf hingewiesen, welche Schlüsselrolle die italienische Mafia in der öffentlichen Debatte um das organisierte Verbrechen seit Mitte der 80er Jahre spielte.

Zehn Jahre später war allerdings offensichtlich, dass sie zwar eine sehr ernste Herausforderung für den italienischen Staat ist, aber - trotz ihrer Ableger in einigen europäischen und außereuropäischen Ländern - keine akute Bedrohung darstellt für Europa.

Das gilt gerade auch für Deutschland.

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Sicher, die "Mafia GmbH" à la Spiegel ließ genauso auf sich warten wie Camorra, 'Ndrangheta, Cosa Nostra & Co. Doch der Ersatzkandidat für dieses Angstbild war schon in Sicht: Die Russen-Mafia.

Sie avancierte regelrecht zum neuen Schreckgespenst: Innerhalb weniger Jahre wurde sie die neue kriminelle Bedrohung. Eine Herausforderung für die Fachwissenschaft und den seriösen Journalismus; und eine schier unerschöpfliche Quelle für Schlagzeilen der Boulevard-Presse ebenso wie für Fernsehreportagen, für Talkshows und natürlich für "Instant-Bücher".

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Russen-Mafia
avancierte zum neuen Schreckgespenst

Damit stellt sich natürlich die Frage: Wie konnte gleichzeitig jenes Zerrbild von der "tödlichen Bedrohung aus dem Osten" entstehen?

Hier sei nur ein Aspekt herausgehoben: Die Russen-Mafia wurde im Westen nicht nur zum "Ersatz" für die italienische Mafia, sie wurde weit mehr: Ersatz für das verlorene "Reich des Bösen", für die 1991 verschwundene Sowjetunion.

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Dass man auch in Deutschland nicht untätig blieb, wurde spätestens dann klar, als aufflog, dass Agenten des Bundesnachrichtendienstes und des bayerischen Landeskriminalamtes 1994 als Scheinkäufer den Schmuggel von 363 Gramm hochgiftigen Plutoniums in einer Lufthansa-Maschine von Moskau nach München provoziert hatten (Süddeutsche Zeitung, 18. Januar und 17. Dezember 1997; Die Zeit, 15. Dezember 1995).

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Sozusagen als Nachfolger des Sowjetstaates wurde jetzt die Russen-Mafia zum Ersatzfeindbild: ausgerüstet mit Attributen wie Macht, Hochtechnologie, Nuklearwaffen, aber auch Skrupellosigkeit, Geldgier, Expansionsdrang.

Hinzu kamen Merkmale, die in Teilen des westlichen Kollektivbewusstseins schon seit dem neunzehnten Jahrhundert mit Russland assoziiert wurden: ein Land, das trotz seiner verwestlichten Züge stets zum Orient gehörte.

So konnte man im Gegensatz zur italienischen Mafia mit ihren traditionellen Werten die Russen-Mafia nicht selten als wild, gewalttätig, brutal und in ihrer Barbarei eben als zutiefst orientalisch beschreiben. Nicht von ungefähr heißt eines der erfolgreichsten Bücher über das organisierte Verbrechen und speziell über die Russen-Mafia: "Die Barbaren kommen" (Ziegler & Mülhoff, 1998).

Doch kommen wir nun von der Fiktion zur Realität.

 
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