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7. Schluss
Am Anfang dieser Ausführungen stand die Frage, warum das Thema "Russen-Mafia" als
eine Form der organisierten Kriminalität neben anderen in den 90er Jahren
so ungemein populär wurde.
Hier zum Schluss seien noch mal einige wesentliche Aspekte herauszuheben:
Zunächst der Blick nach Russland:
- In einer Gesellschaft, in der Verschwörungstheorien sehr populär
sind, hilft der diffuse Begriff der Mafia den normalen Bürgern zu verstehen,
warum sich ihr Lebensstandard innerhalb von zehn Jahren drastisch verschlechtert
hat, warum gleichzeitig eine kleine Minderheit steinreich geworden
ist, warum statt der legalen die illegalen Märkte boomen und warum
das Land die zweithöchste Mordrate der Welt hat.
- Darüber hinaus benutzen die russische Polizei und Justiz den Mythos
von der übermächtigen organisierten Kriminalität gerade auch, um mit
ihrer eigenen Überforderung (manche sagen: Inkompetenz und Korruption)
fertig zu werden und um die Anwendung autoritärer und nicht-liberaler
Ermittlungsmethoden weiter zu rechtfertigen.
- Und mancher in der Politik spekuliert recht offen, dass, je stärker
man das Problem aufbauscht, desto mehr Dollar aus dem Westen als Hilfe
und Kredite fließen.
"Phänomen Russen-Mafia liefert das ,Fleisch'
für
den recht mageren, dürren und abstrakten Wissenschaftsbegriff der organisierten
Kriminalität" Und im Westen?
- Hier liefert das Phänomen Russen-Mafia sozusagen das Fleisch für
den recht mageren, dürren und abstrakten Wissenschaftsbegriff der organisierten
Kriminalität. Das kommt nicht nur der journalistischen Phantasie entgegen.
- Und wie schon in der Debatte um die organisierte Kriminalität im
Allgemeinen und die italienische Mafia im Speziellen, dient die russische
Mafia ganz unterschiedlichen Interessen und Zwecken: erwähnt sei nur
der Ruf mancher Innenminister nach "Law and Order".
- Nicht zuletzt ist die Russen-Mafia auch ein Schlüsselwort für das
Verständnis - oder eben Missverständnis - der epochalen Transformationsprozesse
Osteuropas seit 1989. In Deutschland waren und sind die Reaktionen
besonders stark, schon wegen der geographischen Lage.
- Wie kein zweiter verkörpert zudem der Begriff der Russen-Mafia eben
auch unterschwellige und offene Ängste. Und genau diese Furcht vor
den Verbrechen einer angeblich ungemein gefährlichen Organisation war
ganz wesentlich vorbereitet worden durch die heftigen Debatten der
vorausgegangenen Jahre mit ihren starken Bedrohungsszenarien.
Vielleicht, möchte man sich fragen, braucht jede Gesellschaft irgendwelche "schwarzen
Männer" (Ganz nach dem Kinderspiel: "Wer fürchtet sich vor dem
schwarzen Mann")? Solche Angst-Figuren fördern durch ihre Bedrohlichkeit
die soziale Kohäsion, und sie symbolisieren immer auch das Unerlaubte
und Primitive. Außerdem können sie als eine Art Sündenbock missbraucht werden
für eigenes Fehlverhalten oder gar für gesellschaftliche Fehlentwicklungen.
Und wenn derartige "schwarze Männer" bereits notwendig waren für die
von Kai Erikson 1966 untersuchten kleinen puritanischen Siedlergemeinschaften
im Amerika des 17. Jahrhunderts ("Wayward Puritans"), dann wohl umso
mehr für die globalisierten Gesellschaften von heute. |